Schulleiter Wolfgang Wagner

„Liebling, ab morgen bin ich immer zu Hause!“

Ich glaube, meine sehr verehrten Damen und Herren, vor diesem Satz fürchtet sich meine Frau mehr als ich. War sie es bisher gewohnt, mich nur 4 bis 5 Stunden am Tag ertragen  zu müssen, so muss sie sich jetzt darauf einstellen, mich rund um die Uhr um sich zu haben. Insofern empfand die beste aller Ehefrauen meine im September 2010 getroffene Entscheidung, in den Ruhestand zu gehen, weniger als Befreiung, sondern mehr als eine nicht zu unterschätzende Herausforderung oder weniger verklausuliert gesagt als eine offene Drohung. Glücklicherweise hat sie das ruhestandsfähige Alter noch nicht erreicht, kann also noch arbeiten gehen und auf diese Weise, die tägliche Zeitspanne, sich mit mir beschäftigen zu müssen, verkürzen.

Nun, meine Damen und Herren, um meiner Frau und um Ihnen die Angst zu nehmen, dass jetzt im Hause Wagner furchtbare Zeiten anbrechen werden, verspreche ich an dieser Stelle, meine Frau nicht mit grüner Tinte schriftlich um Rücksprache zu bitten, keine Wiedervorlagen anzulegen und kein digitales schwarzes Brett zu installieren, auf dem ich täglich Dienstanweisungen veröffentliche. Ich werde die Küche nicht neu organisieren, kein computergestütztes  Inventarverzeichnis über Geschirr und andere Haushaltsutensilien erstellen, auch keine Mensa-Card für die tägliche Nahrungsaufnahme anlegen und ich werde ihr keine Vorschriften machen, wie man den  Haushalt da und dort vielleicht noch ein bisschen effizienter gestalten kann.

Ich werde mich vielmehr bemühen – Sie wissen, was der Begriff „bemühen“ in Beurteilungen bedeutet -, ein Ruheständler zu sein, der die Ruhe genießt und seiner Umwelt nur Freude macht. Ich werde meine Frau auf Händen tragen und ihr jeden Wunsch von den Lippen ablesen – gelegentlich auch die Wünsche, die sie noch gar nicht hat.

Ich habe dieses Versprechen an den Anfang meiner Abschiedsrede gestellt, weil ich ohne meine Frau meine berufliche Tätigkeit nicht hätte so ausüben können, wie ich es getan habe. Als ich mich vor 20 Jahren für die Schulleiterstelle am Hochwald-Gymnasium bewarb, hielt sich ihre Begeisterung in Grenzen, weil sie richtig vorhersah, dass dies nicht ohne Folgen für die Familie sein würde. Sie hat mich aber dann immer unterstützt, allerdings nicht ohne sich die Freiheit zu nehmen, meine neue Rolle gelegentlich  kritisch zu würdigen und dafür zu sorgen, dass die Lebenswirklichkeit nicht verloren ging. Sie kennen die Lebensweisheit, ein Mann ist nur so erfolgreich wie die Frau, die hinter ihm steht. Dafür bin ich Dir,  liebe Christa,  sehr dankbar.

Dankbar bin ich auch Ihnen allen, die Sie mir heute die Ehre Ihrer Anwesenheit geben, und  ich danke allen, die an der Gestaltung des heutigen Abends mitgewirkt haben, insbesondere Herrn Christian Leidinger, der die musikalischen Beiträge wie immer hervorragend arrangierte.

Ich danke Ihnen Frau Landrätin, Herr Dewald, Frau Kuhn-Theis, Frau Koscheny, Herr Kleer, Herr Kohr und Dir liebe Theresa, für die anerkennenden Worte. Ich will nicht verhehlen, dass mir kurz der Gedanke kam, ich hätte doch noch ein paar Jahre länger bleiben können. 

Erlauben Sie mir, Herrn Dr. Bach einen besonderen Dank auszusprechen – nicht nur für die Würdigung meiner Tätigkeit am HWG.  Er hat meine Arbeit über 20 Jahre freundschaftlich begleitet und war an vielen Entscheidungen zugunsten des Hochwald-Gymnasiums beteiligt. Dafür, lieber Freund, danke ich Dir sehr.

Ich danke allen Kolleginnen und Kollegen und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Frau Latwein und Frau Reinert im Sekretariat, unseren Hausmeistern Herrn Bonerz und Herrn Dworski, den Damen  im Bistro,  in der Mensa und den Damen, die unsere Schule immer sauber gehalten haben. Bitte sehen Sie es mir nach, dass ich nicht jeden einzeln hier benennen kann. Stellvertretend für Sie alle möchte ich mich bei meinem Stellvertreter, Herrn Studiendirektor Berthold Schley, und bei meinem Abteilungsleiter Oberstufe, Herrn Studiendirektor Rudolf Schäfer bedanken.  Wir hatten eine gute Arbeitsteilung. Herr Schley und Herr Schäfer haben mir durch die exzellente Gestaltung des schulorganisatorischen Rahmens den Rücken für viele andere  Maßnahmen freigehalten. 

Was die Gestaltung und Weiterentwicklung der Schule angeht, hat Herr Schley in unserer Zweierbeziehung den eher defensiven Part wahrgenommen und ich war zuständig für reformerische Impulse – gelegentlich auch für revolutionäre Visionen. Wir haben uns meistens in der Mitte getroffen und so im Interesse der Schule gut zueinander gepasst.

Ich danke Ihnen Frau Landrätin Schlegel-Friedrich und ihren Mitarbeitern sehr herzlich, ich danke Herrn Bürgermeister Fredi Dewald und seinen Mitarbeitern in der Stadt Wadern, ich danke allen Eltern und allen Schülern, die an dem guten Klima unserer Schulgemeinschaft einen großen Anteil haben, und ich danke unseren außerschulischen Partnern. Sie alle haben durch ihre Kooperationsbereitschaft und durch ihre Unterstützung zu dem positiven Gesamtbild des Hochwald-Gymnasiums beigetragen.

Die Grundlage für die erfolgreiche Entwicklung des HWG wurde bereits vor meiner Amtszeit gelegt. Als ich 1991 die Schule übernahm konnte ich an die hervorragende Arbeit meines Vorgängers, Dr. Heribert Feld, anknüpfen. Leider ist Herr Dr. Feld vor einigen Jahren verstorben. Umso mehr freue ich mich, dass seine Frau heute anwesend ist, die ich an dieser Stelle herzlich begrüßen möchte.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

im Verlaufe einer 20jährigen Amtszeit gibt es natürlich auch Sünden, die man gestehen muss. Stellvertretend für alle meine Sünden möchte ich heute Abend den Schleier kurz lüften und wenigstens eine mögliche Verfehlung einräumen. Das Vergehen, das ich gestehe, lautet Bigamie. Ich sehe, wie der Aufmerksamkeitsgrad einzelner Kollegen zunimmt.

Mit Bigamie wird juristisch eine Doppelehe bezeichnet. Der Strafrahmen liegt bei bis zu drei Jahren Gefängnis. Ich hoffe, dass heute Abend nur ein Staatsanwalt anwesend ist, und da dieser Staatsanwalt als befangen gilt, gehe ich davon aus, dass der Vorgang unter uns bleibt.

18 Jahren lang habe ich mit einer zweiten Frau zusammengelebt und eine Art Lebensgemeinschaft gehabt. Wir haben uns täglich fast 8 Stunden gesehen. Sie hat mir fast jeden Wunsch von den Lippen abgelesen, hat mich mit Essen und Trinken versorgt, mich gepflegt, wenn ich unpässlich war, hat meine Marotten ertragen, hat mich aufgemuntert. Kurzum – sie hat mir das Leben in der Schule erträglich gemacht. Wir kamen uns täglich mehrmals sehr nahe und waren dann nur noch getrennt durch die Breite meines Schreibtisches. Diese Frau behauptet, sie kenne mich besser als ich mich selbst.

Sie haben es erkannt. Bei dieser Lebensgemeinschaft handelt es sich um die Büroehe, die ich mit Frau Latwein geführt habe. Liebe Frau Latwein, ich danke Ihnen von Herzen für Ihre sehr kompetente und einfühlsame Unterstützung und kann Ihnen sagen, dass ich mich in der Büroehe mit Ihnen immer sehr wohl gefühlt habe. 

Und dass Sie heute Abend für mich eine tolle Rede – ihre erste Rede gehalten haben, hat mich besonders berührt.

Es gibt aber noch eine weitere Frau, die mit der Tatsache, dass ich nun nicht mehr in die Schule fahre, fertig werden muss. Sie heißt MEGGIE und ist unsere Hündin. Meggie wusste, dass ich jeden Samstag in die Schule fuhr, um dort die Dinge zu erledigen, die von der Woche übrig geblieben waren. Und sie wusste, dass sie an diesem Tag mit in die Schule durfte. Deshalb stand sie jeden Samstagmorgen vor unserer Haustür und machte mir klar: „Nicht ohne mich!“. 

Meggie hat im Übrigen im Laufe der Zeit – was die Schule angeht - menschliche Züge angenommen. Wenn sie das Wort „SCHULE“ hört, kommt es bei ihr zur Ausschüttung des so genannten Glückshormons. Dann stellt sie die Ohren, bekommt leuchtende Augen und auf ihrem Gesicht erkennt man ein deutlich sichtbares Glücksgefühl. 

Lehrer und Schüler wissen sicher, wovon ich rede. 

Für Meggie und für mich ist das ist jetzt vorbei. Wir müssen in Zukunft im Unterschied zu den Lehrern und Schülern auf diese Glücksgefühle verzichten.

Ich habe in irgendeinem schlauen Ratgeber die Feststellung gelesen: „Ruhestand ist, wenn man nicht mehr arbeitet, sondern lebt.“ 

Für mich gilt dieser Satz nicht. Denn das Hochwald-Gymnasium war mein Leben – ich habe dabei lediglich billigend in Kauf genommen, dass dieses Leben in und mit der Schule  auch Erwerbsarbeit zum Zwecke der Existenzsicherung war. Aber an erster Stelle stand diese Erwerbsarbeit nie. 

Ich erinnere mich, dass meine Frau mich abends ab und zu anrief und nachfragte, ob ich nicht endlich nach Hause kommen wolle. Dann wusste ich, jetzt wird es Zeit, denn das HWG war wichtig, stand aber gegenüber meiner Frau natürlich nur an zweiter Stelle – was meine Frau gelegentlich bezweifelte – selbstverständlich  zu Unrecht!

Viele von Ihnen waren über meine Entscheidung, vorzeitig in  den Ruhestand zu gehen, überrascht, weil sie wussten, wie wichtig mir die Schule war. Ich gebe auch gerne zu, dass mir diese Entscheidung  nicht leicht gefallen ist und deshalb habe ich mich auch heute Abend der Unterstützung meiner Familie versichert. Und wenn ich meine drei kleinen Enkel sehe, dann wird mir klar, dass jetzt der richtige Zeitpunkt für ein neues Leben ist.

Unterstützt wurde ich bei dieser Entscheidung auch durch die Tatsache, dass aus meiner Sicht das HWG eine sehr positive Außenwirkung besitzt und im Inneren Strukturen aufgebaut sind, die die verantwortliche Mitwirkung der Schulgemeinschaft an der Gestaltung der Schule möglich machen. 

Ich glaube, das ist eine gute Grundlage für die weitere Zukunft der Schule, in der die Schüler und Schülerinnen immer im Mittelpunkt gestanden haben und für die das HWG in jeder Hinsicht beste Voraussetzungen bietet. 

Deshalb möchte, wenn ich noch einmal auf die Welt komme, unbedingt Schüler am Hochwald-Gymnasium werden.

Eine besondere Anerkennung haben wir vor vier Wochen im Rahmen des Saarländischen Schulpreises erhalten. Wir gehörten zu den Preisträgern, die bei einer feierlichen Festveranstaltung für ihre gute Arbeit gewürdigt wurden. Das HWG war in diesem Kreis das einzige saarländische Gymnasium, das ausgezeichnet wurde. Die Begründung dafür lieferte Professor Dr. Jörg Schlömerkemper in seiner Laudatio. Das Hochwald-Gymnasium sei eine Schule, die sich in den Merkmalen, die eine gute Schule auszeichnen, von den anderen  Schulen der gleichen Schulform – also von den anderen saarländischen Gymnasien – deutlich unterscheide. Das war ein tolles Kompliment für unsere Schule und für die engagierte Arbeit unserer Schulgemeinschaft. Dafür möchte ich allen Kolleginnen und Kollegen, allen Schülern und Schülerinnen, allen Eltern und allen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen von Herzen danken. 

Ich wurde in den letzten Wochen sehr häufig gefragt, ob ich es denn ohne Schule überhaupt aushalten könne. Ich kann Ihnen die Frage heute nicht beantworten, glaube aber, dass ich den Sommer dank der vielen sportlichen Aktivitäten, die ich mir vorgenommen habe, gut überstehen werde. 

Wenn dann aber der Herbst kommt, kann es sei, dass die Lehrer der Frühaufsicht in der herbstlichen Morgendämmerung an manchen Tagen eine dunkle, tief gebeugte Gestalt sehen werden, die um das Schulgebäude schleicht und wehklagende, herzzerreißende Laute ausstößt. 

Sie brauchen  dann nicht den Notruf zu betätigen.

Wenn Sie diese Gestalt sehen,  empfehle ich Ihnen, gehen Sie langsam und vorsichtig auf sie zu, legen sie ihr behutsam die Hand auf die Schulter und sagen Sie: „Hallo Chef, schön, dass Sie sich auch mal wieder blicken lassen.“ Dann laden Sie mich zu einer Tasse Kaffee ein und erzählen mir, was es an Klatsch und Tratsch in der Schule Neues gibt, worauf es  mir gleich wieder besser gehen wird.

Aber, meine Damen und Herren, der Herbst ist glücklicherweise noch weit entfernt.

Zum Schluss  möchte ich Ihnen noch eine kleine Geschichte erzählen:

„Auf dem Hühnerhof war der Hahn erkrankt. Niemand konnte mehr damit rechnen, dass er auch am nächsten Morgen noch krähen werde. Abschied war angesagt. Die Hennen machten sich große Sorgen – sie waren felsenfest davon überzeugt, die Sonne geht nur auf, weil der Meister sie morgens rufe. Der nächste Morgen aber belehrte sie eines Besseren: Die Sonne ging auf wie jeden Tag; nichts passierte -  nichts hatte ihren Gang beeinflusst.“

In diesem Sinne wird das Leben für uns alle weitergehen. Ich danke  Ihnen allen für die vielen guten Tage, die ich am HWG krähen durfte und kann es Ihnen ja heute Abend gestehen: Ich habe gerne am HWG gekräht.

Passen Sie gut auf sich und auf das Hochwald-Gymnasium auf.

Leben Sie wohl!