Labor Lernkultur: Das HWG reist zu neuen Lernwelten                               

Was ist das „Labor Lernkultur“? Ein einjähriges Modellprojekt der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS), das sich an Ganztagsschulen richtet, die sich projektorientiert mit der Lernkultur ihrer eigenen Schule auseinandersetzen wollen. Lernkultur beinhaltet dabei die Verbindung von Vor- und Nachmittag, die Kompetenz- und Handlungsorientierung und ein Verständnis von individueller Leistungsrückmeldung.

Melanie Helm, als Beraterin aus der Regionalen Serviceagentur „Ganztägig lernen“ des Saarlandes, begleitete das Projekt des Hochwald-Gymnasiums in Wadern. Dabei wurden die Kriterien guter Beratung zugrunde gelegt und entfaltet. Die gesammelten Erfahrungen wurden dokumentiert, z.B. durch Filmaufnahmen,  und im Netzwerk der BeraterInnen der beteiligten Serviceagenturen diskutiert. 

Labor Lernkultur- Team des HWG: Beate Bernd, Frank Groß, Hans Kleer, Peter Keller, Katja Kwasniewski-Koellner, Nicole Lauer, Albert Räsch, Karin Warken, Andrea Zimmermann

Projektbericht von Andrea Zimmermann, Teamleiterin im Labor Lernkultur:

Der Anfang - Plakat Kick-Off Labor Lernkultur Berlin

Von Oktober 2009 bis Juni 2010 arbeiteten wir in einem multiprofessionellen Team (acht Lehrer + eine Erzieherin/Sozialpädagogin + ein Integrationshelfer + eine Integrationslehrerin + außerschulische Lernpartner: ein afrikanischer Künstler + eine Ökotrophologin) mit einer Klasse 5, einer Klasse 6 und Klasse 7 sowie zwei Oberstufenkursen 11 und 12 projektorientiert an dem Thema

 „(Süd) Afrika und die Fußball-Weltmeisterschaft 2010“. 

Über unsere Arbeit mit der Fünfer-Klasse wollten wir gezielt die Lernkultur einer Ganztagsklasse, über die Arbeit in den anderen Klassen die Lernkultur der Schule insgesamt beobachten und entwickeln. Dabei stellten wir uns ein konkretes, aktuelles, zeitlich klar begrenztes Unterrichtsthema, mit dem wir – ein erstes Ziel unserer Zielvereinbarung Labor Lernkultur- bei den Schülern im Perspektivwechsel Verständnis für interkulturelle Lebenswirklichkeiten schaffen wollten.

Zur Vorbereitung erfolgte im November 2009 für das Team ein Teamtag, der der Themenabsprache sowie der Projektabsprache insgesamt diente. Da wir die Unterrichtseinheiten in allen Fächern lehrplankonform planten, konnten wir hier auch prüfen, bei welchem Thema in welchen Fächern Verzahnungen und Synergieeffekte vom Lehrplan her möglich waren. Unter der Vorgabe einer engen fächerverbindenden Zusammenarbeit einigten wir uns auf das Thema „(Süd) Afrika und die Fußball-Weltmeisterschaft 2010“. Zwischen Dezember und Januar war Planungs- und Organisationsphase des Teams, wurden Materialien gesammelt und gemeinsame Konzepte entwickelt. Die Projektarbeit mit den Schülern begann am 22.02.10  mit einem afrikanischen Frühstück im Klassenrat und endete mit der Mini-WM am 30.06.10 (s. Anlage Mind Map).  Die Projektphasen wurde begleitet von regelmäßigen Teamsitzungen, die der Information und dem Austausch über die unterschiedlichen Arbeitsstände, der fächerverbindenden Anpassung der Unterrichtseinheiten, der kollegialen Zusammenarbeit und besonders wichtig, der ständigen Evaluation des Prozesses der Projektentwicklung dienten. 

In unserer Zielvereinbarung (s. Anlage Zielvereinbarung) legten wir als ein weiteres von vier gemeinsamen Zielen fest, die Schüler der Klasse 5a (Ganztagsklasse) in projektorientiertem Unterricht zu eigenverantwortlichem selbstständigen Lernen anzuleiten. 

Diese Vorgabe wurde von allen Fachkollegen sowie Erziehern und Sozialpädagogen umgesetzt in der Projektorientierung der miteinander verzahnten Unterrichtseinheiten, v.a. der SOL-Einheiten, dem Teamteaching v.a. in den Einheiten, in denen die älteren Schüler als Lernpartner eingesetzt wurden, den kooperativen und den individuellen Lernformen sowie der außerunterrichtlichen Angebote (z.B. drei Projekttage mit dem Künstler Thomas Soukou). 

So wurde im Projekt Ernährung (Erdkunde, Mathematik, Biologie, Religion, Sozialpädagogik) unter anderem in Zusammenarbeit mit einer Ökothrophologin von den Schülern ein Ernährungsführerschein erworben, der Nährstoffgehalt von afrikanischen und europäischen Speisen im Vergleich selbsttätig mit Messverfahren analysiert, dann tabellarisch erfasst und ausgewertet. 

Im Projekt Darstellendes Spiel (Deutsch, Musik, Kunst, Französisch und Englisch) entstand die Performance einer afrikanischen Fabel, die wiederum Programmbestandteil des Projekts Mini-WM war. 

Im Projekt Mini-WM (Erdkunde, Religion, Deutsch, Mathematik und Sport) organisierten die Schüler u. a. selbsttätig Lebenslauf und Mini-WM zugunsten von Hilfsprojekten für afrikanische Kinder. Der von den Schülern der Klasse 5 in diesen „Events“ erwirtschaftete Gewinn beträgt über 7000,- Euro; damit sollen von den Schülern ausgewählte Kinderhilfsprojekte in Afrika sowie unsere Partnerschule in Burkina Faso unterstützt werden. 

Wir erreichten also verstärkte Motivation, Eigentätigkeit und Eigenverantwortung durch die Wahl eines aktuellen Themas (Fußball-WM), mit dem wir andere Themen, für die wir neue Schülerinteressen wecken wollen, verbinden (z.B. für Afrika), durch ein gemeinsames, zeitlich fixiertes Ziel aller Schüler und Lehrer (Lebenslauf und Mini-WM am 29/30.06.10), durch Gruppenarbeit im Projekt, wobei den Schülern sowohl für Teilbereiche als auch für die Gesamtveranstaltung hohe Verantwortung für das kompetenzorientierte Lernen der Klasse/Gruppe übergeben wird (z.B. Schiedsrichterausbildung, Spiele „pfeifen“, Organisation der Veranstaltung Klassenstufe 5-8), während die Lehrer immer wieder  ihre Rolle wechselten und zu Beobachtern, Coaches  und Prozessbegleitern wurden. Fußball ist per se ein Teamsport; für das Gelingen von Lebenslauf und Mini-WM waren Organisationsteams zuständig, die Zaubervogel-Performance mit Elementen von Schauspiel, Musik, Tanz und Kunst wurde in Teamarbeit gestaltet, sowie auch weitere Unterrichtseinheiten in allen Projekten. Durch die Koppelung der selbstorganisierten Lernprozesse mit Teamarbeitsphasen steigerte sich die Teamfähigkeit der Schüler.  

Der Bezug zum Alltag der SchülerInnen ergab sich durch den aktuellen Bezug Fußballweltmeisterschaft. Die zukünftige Berufs- und Arbeitswelt braucht Menschen, die ihre Arbeitsprozesse selbständig organisieren; hier konnten unsere Schüler in der Organisation von Lebenslauf und Mini-WM wichtige Erfahrungen sammeln, zu denen auch soziale Kompetenzen wie Verlässlichkeit, Einhaltung von Zusagen, langfristiges Planen, Arbeitsdisziplin, Improvisationsvermögen, Nervenstärke, Anpassungsfähigkeit, Absprachen und Koordination, Umgang mit Konflikten usw. gehörten.

Ein weiteres unserer vier Ziele aus der Zielvereinbarung war es, die Möglichkeiten der Selbstreflektion eigener Lernprozesse und Leistungen zu schaffen und zu erproben. Wir ermittelten die Qualität der Lernprozesse und des nachhaltigen Lernens der beteiligten Schülerinnen und Schüler mit mehreren Ansätzen. Dies waren Lernplakate,  Lerntagebücher und Dokumentarfilm. 

Jeder Schüler führte über den gesamten Projektzeitraum ein Lerntagebuch. Dieses konnte als „Anderer Lernnachweis“ als Klassenarbeit gewertet werden und bot dem Lehrer so die Möglichkeit der Leistungsmessung, dem Schüler aber die Möglichkeit der Selbstreflexion des eigenen Lernprozesses sowie auch die Möglichkeit, Eindrücke und Gefühle zu beschreiben. Interessant war es, die beständige Entwicklung der Lerntagebücher über den langen Zeitraum zu beobachten. Sie wurden für die Lehrer zum Evaluationsinstrument sowohl für den Projektprozess als auch für die einzelne Unterrichtsstunde und zum diagnostischen Mittel, um den Lernfortschritt der Schüler begleiten zu können. 

Um uns in unserer Arbeit zu evaluieren, entschieden wir, einen Dokumentarfilm über unsere Arbeit zu drehen. Auch hier ergaben sich konkrete Rückmeldungen auf den Unterricht sowie auf den Projektprozess für die Lehrer. Unbeabsichtigt, aber wichtig war die Wirkung auf die Schüler, die von dem Filmprojekt begeistert waren. Gefilmt wurde fortlaufend an mehreren Drehtagen von Projektbeginn bis zu Projektende. Mittlerweile gibt es über 9 Stunden Filmmaterial, die den Projektablauf dokumentieren.  Der Film soll anlässlich der Bildungsmesse erstmals gezeigt werden.

Um ein solches Projekt über diesen Zeitraum durchführen zu können, müssen die einzelnen Einheiten lehrplankonform sein. Dies war in allen Fächern der Fall. Interessant sind dabei aber die Verzahnungen der einzelnen Fächer. Dies entspricht  einem weiteren Ziel unserer Zielvereinbarung (s. Anlage Zielvereinbarung): wir wollten  in fächerverbindenden Unterrichtseinheiten kompetenz- und handlungsorientiert unterrichten. Die interessante Aufgabe war es also, die Lehrpläne zu vergleichen und die Berührungspunkte der einzelnen Fächer herauszufinden sowie das gemeinsame Thema so zu wählen, dass Verbindungen möglich waren. Die fächerverbindende Lehrplankonformität war das Ergebnis der Vergleiche und Diskussionen unseres Teamtags und die daraus entstandene Zielvereinbarung unser Brückenschlag zwischen den Denkweisen und Stoffgebieten der verschiedenen Fächer. Dabei liefen die Unterrichtseinheiten teilweise zeitlich parallel, zeitweise zeitlich versetzt, sodass Unterrichtsinhalte anderer Fächer wieder aufgegriffen und vertieft werden konnten und Synergieeffekte für die neuen Fachinhalte genutzt werden konnten.

Die konkrete Zusammenarbeit der Kollegen erfolgte über regelmäßige Teamsitzungen, in denen wir inhaltliche und pädagogische Absprachen trafen. Kurzfristige Absprachen erfolgten laufend. Im Lehrerarbeitsraum konnten wir uns in den Pausen oder Freistunden treffen und zusammen arbeiten, hier sind die Unterrichtsmaterialien verfügbar. Außerdem tauschten wir uns, genauso wie mit den Eltern, über Mailkontakte regelmäßig aus.

Den Kollegen, die unser Projekt in ihren Unterricht übertragen wollen, rate ich, zunächst einige grundlegende organisatorische Vorgaben zu prüfen (z.B. Epochalisierung/ Rhythmisierung/  Doppelstundenprinzip), die gute Projektarbeit erleichtern. Die Veränderung in der Lernkultur entsteht dann durch die konkrete gemeinsame Arbeit am Inhalt, hier an dem gemeinsamen Thema.

Gesamtbilanz: 

Das Projekt hat den Schülern und den Lehrern, auch wegen seines Alltagsbezugs, Spaß gemacht. Dadurch und durch das eigenverantwortliche selbständige Lernen  erreichten wir eine hohe Motivation der Schüler, die der Unterrichtsarbeit über das Projekt hinaus in allen Fächern und allen Lerninhalten zugute kam. Dadurch gelang es auch, schwächere Schüler zu stärken.  Die Schüler der Klassen 7 sowie 11 und 12 wurden im Rollenwechsel zu „Lehrenden“, indem sie als Lernpartner und Multiplikatoren Lerninhalte vermittelten, z.B. die französischen Dialoge oder die Tänze der Performance. Dieser Rollenwechsel wurde von den Schülern sehr geschätzt. Im afrikanischen Frühstück zu Beginn des Projekts konnte man die Fremdheit der Schüler mit Afrika und seinen Menschen gut beobachten. Im Abschluss des Projektes war das Verständnis der Schüler für interkulturelle Lebenswirklichkeiten gewachsen. Um afrikanische Kinder unterstützen zu können, haben die Schüler engagiert zusammengearbeitet – und mit 7000 Euro Einnahmen ein überwältigendes Ergebnis erzielt.

Gewonnen haben aber alle, die an dem Projekt teilgenommen haben, an Fachkompetenz, an sozialer Kompetenz, an Methodenkompetenz und an personaler Kompetenz.

Beeindruckender Beitrag des Hochwald-Gymnasiums beim Gesamtschulkongress in Berlin

Das Hochwald-Gymnasium Wadern wurde beim diesjährigen Gesamtschulkongress in Berlin vor ca. 1300 Teilnehmer als innovatives Gymnasium für seine pädagogische Arbeit im Bereich der Ganztagsschule gewürdigt. Als eine von acht ausgewählten Schulen präsentierte das HWG mit einem Workshop die Ergebnisse seiner Arbeit im „Labor Lernkultur“ und fand dafür bundesweites Interesse.

Der Kongress stand unter dem Motto „Lernkultur“ und wurde durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung und die Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in Kooperation mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung veranstaltet. Er bietet jedes Jahr Lehrerinnen und Lehrern, Schulleitungen, Eltern, Schülerinnen und Schülern, Veranstaltern von Fortbildungen und außerschulischen Partnern eine Plattform, sich über pädagogische Erfahrungen und Herausforderungen im Ganztagsschulbereich auszutauschen.

„Ganztagsschulen wirken sich positiv auf das Sozialverhalten und das Familienklima aus. Auch die Schulnoten verbessern sich bei entsprechender pädagogischer Qualität“, fasst Professor Eckhard Klieme vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) die Ergebnisse seiner aktuellen Studie auf dem Ganztagsschulkongress in Berlin zusammen. Negative Auswirkungen seien nicht gefunden worden, während sich die positiven Effekte vor allem bei regelmäßiger, dauerhafter Teilnahme und hoher Angebotsqualität eingestellt hätten. „Die Untersuchung liefert Belege für die Wirksamkeit der ganztägigen Bildung und Betreuung, aber sie gibt auch Hinweise darauf, was in der Schulentwicklungsarbeit und in der Bildungspolitik verbessert werden kann“, sagt Klieme.

Ganztägiges Lernen fordert eine facettenreiche Lernkultur. Das gelingt vor allem durch einen abwechslungsreichen und schülerorientierten Unterricht. Stellvertretend für das HWG-Ganztagsklassenteam zeigten Andrea Zimmermann, Hans Kleer, Katja Kwasniewski-Köllner und Nicole Lauer den aus ganz Deutschland angereisten Kongressteilnehmern im Rahmen eines Lernkultur-Workshops, wie durch Lernpartnerschaften, durch fächerverbindendes und eigenständiges Arbeiten der Schüler Lernfreude und Lernerfolg entstehen.

Besondere Beachtung fand in diesem Zusammenhang der HWG-Dokumentarfilm „Lernkultur entwickeln - neue Lernwelten schaffen“. Über den Zeitraum eines halben Jahres hatte ein Filmteam die sich am Hochwald-Gymnasium entwickelnde neue Lernkultur dokumentiert. Der 45-minütige Film stellt in beeindruckender Weise das am HWG im Bereich der Ganztagsschule verankerte pädagogische Konzept und die gemeinsame Arbeit von Lehrern, Schülern und Betreuerinnen des Sozialwerks Saar-Mosel im Rahmen des Projektes „Labor Lernkultur“ dar. Bei diesem Projekt wurden fächer- und jahrgangsverbindende Unterrichtseinheiten zum Thema „(Süd-)Afrika und die Fußball-Weltmeisterschaft 2010“ erstellt. Zentrales methodisches Anliegen war es dabei, den Schülern und Schülerinnen die Fähigkeit zum selbstständigen Arbeiten zu vermitteln.

Der Film zeigt, wie die HWG-Pädagogen in regelmäßigen Teamsitzungen zielorientiert am gemeinsamen Projektthema arbeiteten, und gibt Einblick in die einzelnen Unterrichtseinheiten und Methoden, wie z. B. die Einführung eines Lerntagebuchs als eine Form der Leistungsbeurteilung und Dokumentation der Projektergebnisse. Das Projekt integrierte alle Fachlehrer der Ganztagsklasse sowie außerschulische Partner und wurde durch die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung mit Mitteln des Bundesbildungsministeriums begleitet und unterstützt.

Der Kongress wurde mit einem Trailer eröffnet, in dem auch auf das Hochwald-Gymnasium Bezug genommen wurde.

Informationen über den Kongress finden sich hier

Der HWG-Film „Lernkultur entwickeln - neue Lernwelten schaffen“ wird am Tag der offenen Tür am 15. Januar 2011 um 11 Uhr und um 12 Uhr im Nebengebäude gezeigt. Alle interessierten Eltern, Schüler und Gäste sind dazu herzlich eingeladen.