Was soll das Theater!? Gedanken zur Inszenierung von Schultheater

von Martin Huber, freier Schauspieler und Regisseur, seit 2009 verantwortlich für die Inszenierungen der Theater AG am HWG

Jedes Jahr das gleiche. Wir fangen an zu proben, haben ein neues Stück - und viel zu viele Schauspielerinnen! Ja, Schauspieler - innen!, Schauspieler, also Jungs, haben wir in der Regel eher zu wenig - für die eventuell zu besetzenden Rollen. Das gleiche Problem wie überall in der Theaterszene - hat man sich nämlich gar noch für eine klassische Vorlage entschieden, stehen in der Regel eh schon mehr Jungsrollen drin - aber spielen, die die aktiv kommen, in dem Fall zur Theater AG, sind mehr Mädchen - oder später Frauen. Also was tun? Die Hälfte wieder nach Hause schicken? Doppel-besetzungen? Ein anderes Stück finden (bei dem das Problem vermutlich nur verlagert würde)? Gleich noch ein ganz anderes Stück schreiben? Aber dann mit 40 Rollen!?

Dann sage ich zum Beispiel zu meinen Mädels: Wenn ihr beide die Viola spielen wollt, dann spielt sie doch einfach beide zusammen. In der Regel schaue ich bei solchen Vorschlägen in enttäuschte oder irritierte Gesichter. Nicht nur, weil Schauspielerinnen (genauso wie auch Schauspieler) natürlicherweise eine möglichst große Rolle spielen wollen und sie sich nicht klei-ner machen oder teilen wollen - das ist normal, und fast auch wünschens-wert - sollen sie doch auch wirklich spielen wollen, und dass man groß spielen möchte, ist ja natürlich nichts Schlechtes. Aber die enttäuschten oder irritierten Gesichter kommen manchmal auch einfach davon, dass sie sich das nicht vorstellen können. Sich eine Rolle teilen, wie soll das gehen? Und vor allem: Was, wenn das Publikum das nicht versteht?

Da steht er dann im Raum, dieser Einwand, der sich hartnäckig bis zur Premiere hält: Das versteht das Publikum nicht! Ein scheinbar schlagkräftiges Argument, gegen das man nur schwer ankommt (oder jedes Jahr von neuem anrennen muss). „Das ist mir egal“, sage ich dann - oder manchmal - um Diskussionen zu vermeiden, bei denen ich rein argumentativ nicht durchkomme – sage ich nichts, und denke ich es mir nur - und suche stattdessen Wege, wie ich die Überzeugung auf direkterem Wege durch Verführung oder Arbeiten oder sonst was erreichen kann. Denn es ist mir wirklich dann egal – Hauptsache, es ist spannend!

Und schon stecke ich in einer Falle. Wie kann es einem egal sein, ob es das Publikum versteht?! Ist das nicht das Allerwichtigste?! Nein, ist es nicht! Manchmal kann etwas spannend sein, auch oder vielleicht sogar, gerade weil man es nicht versteht. Oder weil es nicht einer üblichen, zu erwartenden Logik folgt. Das Logische, Nachvollziehbare ist ein Aspekt für so etwas wie die Theaterkunst. Aber sicher nicht der Einzige. Ein bisschen wesentlicher - oder auch sehr viel wesentlicher - scheint es mir zu sein, dass sich das Publikum nicht langweilt! Nun kann es passieren, dass sich das Publikum langweilt, weil es etwas nicht versteht. Dieser Zusammenhang ist aber nicht zwingend. Es kann auch sehr viele interessante, tolle Erlebnisse beim Zuschauen haben, obwohl man einzelne Elemente von dem, was man gesehen hat, nicht logisch einordnen kann. Es soll auch Theatervorstellungen geben, bei denen man überhaupt keine Mühe hat, jede Einzelheit sinngemäß komplett zu verstehen, die dann aber tödlich langweilig sind!

Aber langweilig soll es nicht werden, finde ich. Vor allem wenn man den Anspruch verfolgt, 25 bis 50 Schauspielerinnen und Schauspieler in Inszenierungen so zu beschäftigen, dass irgendwie auch jede und jeder etwas davon hat. Also haben wir über die Jahre die Leidenschaft entwickelt, Rollen zu splitten. Da wird dann einfach mal eine Figur von zwei zusammen gespielt, manchmal auch dritt oder, wenn es sein muss, zu sechst - unser Rekord liegt irgendwo bei 25! Und das geht - kurioserweise auch ohne, dass es langweilig wird. Nein, das Verblüffende ist dann doch immer wieder, dass man eigentlich im zweiten Schritt, nachdem solche Entscheidungen aus der Besetzungsnot heraus gefallen sind, feststellt, dass das an vielen Stellen doch gar nicht nur eine Not, sondern eigentlich wirklich viel interessanter ist! Manchmal wird aus einer Figur dann einfach eine Gruppe von zusätzlichen Figuren, und diese Gruppe hat dann plötzlich viel mehr Kraft oder Bedeutung - oder auch eine andere Bedeutung, die aber durchaus passt und es eben interessanter macht. Manchmal lassen sich durch eine Doppelung plötzlich Dinge erzählen oder sichtbar machen, die durch zwei viel deutlicher werden, als wenn es nur eine alleine wäre. Zum Beispiel bei Monologen, die doch, gerade wenn eine oder einer nur spielt, auch mal schnell langweilig werden können (auch wenn es logischer ist). Wenn aber zwei ei-nen Monolog sprechen, kann sich dann etwas von einem inneren Dialog spiegeln, der sich, wenn auch unsichtbar, ganz real innerlich oft in mehrere Stimmen aufteilt. Diese Stimmen werden dann plötzlich auf wundersame Weise nach außen sichtbar und lassen den inneren Konflikt, der im Monolog Thema ist, viel plastischer und lebendiger werden. Und dann wird es eben plötzlich Kunst! Etwas wird sichtbar, was im Realistischen so nicht auf gleiche Weise sichtbar ist.

Manchmal ist es mit dem Publikum natürlich auch so, dass es keine Kunst will, sondern Unterhaltung. Das muss sich zwar nicht ausschließen, aber bedingt gelegentlich einen unterschiedlichen Blickwinkel. Mit dem Schultheater hat man zum Glück ja auch noch die Entschuldigung, dass auch pädagogische Aspekte eine Rolle spielen können. Das heißt, man kann in Frage stellen, ob eine herkömmliche Besetzung bei Schülerinnen und Schülern wirklich angebracht ist, bei der man zum Beispiel einen Hauptdarsteller überfordert und dafür fünf andere unterfordert und sogar langweilt. Da halte ich es doch bei weitem für sinnvoller, mit den Schauspielerinnen und Schauspielern so zu arbeiten, dass mehrere eine darstellerische Herausforderung haben, an der sie wachsen und sich entwickeln können - auch wenn es gelegentlich mal auf Kosten des Verständnisses für das Publikum geht.

Im günstigsten Fall kommt alles zusammen: Die Mehrfachbesetzungen bleiben nicht eine soziale Notlösung, sondern werden künstlerischer Ausdruck, möglichst viele Schülerinnen und Schüler können sich möglichst gut entfalten - und das Ganze wird darüber sogar noch hoch spannend und unterhaltend, und das Publikum ist also auch zufrieden. Und wenn es das Publikum trotzdem nicht versteht? Dann erklärt man es ihm einfach. So wie hier. Oder so wie im aktuellen Fall vor den Vorstellungen zur diesjährigen Theaterproduktion Was ihr wollt von Shakespeare geschehen. Und vielleicht erreicht man darüber ja auch, dass man eine andere Perspektive auf die Betrachtung des Theaterstückes findet. Dass vielleicht das Verstehen gar nicht immer nur das einzige und letzte Maß aller künstlerischen Dinge sein muss. Und wenn man dann verstanden hat, dass man nicht alles verstehen muss und man manchmal gerade dadurch etwas erfahren kann, dass man erlebend etwas nicht versteht, dann hat man vielleicht auch wirklich schon ganz viel verstanden, zumindest im künstlerischen Sinn . . .