Kein Lagerraum für Toilettenpapier

von Wolfgang Wagner, Schulleiter des Hochwald-Gymnasiums Wadern von 1991 bis 2011


Man stelle sich folgendes Szenario vor: Im Rahmen eines eskalierenden politisch-militärischen Konflikts sieht sich das Saarland mit der Drohung eines atomaren Angriffs konfrontiert. Die saarländische Landesregierung ist aufs höchste beunruhigt. Wegen der besonderen Gefährdung für den offiziellen Regierungssitz in der Landeshauptstadt Saarbrücken gibt der Ministerpräsident seinen Ministern die Anweisung, mit ihren Stäben Saarbrücken auf dem schnellsten Wege zu verlassen und einen sicheren Ort aufzusuchen, von dem aus das Land auch nach einem Nuklearschlag regiert und verwaltet werden kann.

So ähnlich kann man sich die Lage Ende der 50er- und Anfang der 60er-Jahre vorstellen. Der Kalte Krieg strebte seinem Höhepunkt zu und die Drohung eines atomaren Krieges hing wie ein Damoklesschwert über der Bundesrepublik Deutschland, zu der seit 1957 auch das Saarland gehörte. Öffentlich und im Geheimen wurden Pläne zur Erstellung von Schutzräumen für die Bevölkerung und von tief unter der Erde angelegten Bunkern für die Verfassungsorgane auf Bundes- und Länderebene entwickelt. Für den Fall der Fälle wollte man gerüstet sein.

Auf Bundesebene diskutierte man schon seit 1950 über die Anlegung einer Art Notunterkunft für die Bundesregierung. Es brauchte aber über 11 weitere Jahre, bis man am 19. Januar 1962 unter den Ahrbergen mit dem Bau des Regierungsbunkers der Bundesrepublik Deutschland begann - „der teuersten und umfangreichsten Baumaßnahme in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“ , wie Jörg Diester in seinem lesenswerten Werk „Geheimakte Regierungsbunker – Tagebuch eines Staatsgeheimnisses“ feststellte1.

Von der Diskussion über mögliche Schutzmaßnahmen für den Fall eines Atomkrieges war natürlich auch das 1957 an die Bundesrepublik angegliederte Saarland betroffen. Man wollte sich als würdiges Mitglied der Bundesrepublik zeigen und nahm daher die von Bonn ausgehenden Empfehlungen zur Erstellung von Ausweichsitzen für die jeweiligen Landesregierungen zügig in Angriff – im Unterschied zu den meisten anderen Bundesländern, die ein solches Vorhaben für nicht ganz so eilbedürftig hielten.

Das erste Problem, vor dem die saarländische Landesregierung stand, war die Frage, an welchem Ort im Saarland der Ausweichsitz der Landesregierung angelegt werden sollte. Zwei entscheidende Bedingungen waren dabei zu erfüllen. Da die Bunker tief unter der Erde liegen sollten, mussten die geologischen Voraussetzungen entsprechend gegeben sein und der Ort durfte keine exponierte Lage aufweisen. Es sollte also ein Ort sein, an dem sich Fuchs und Hase “Gute Nacht“ sagten und der auf den Karten des potenziellen Gegners als strategisch unbedeutende, harmlose Siedlung ausgewiesen war – wenn sie überhaupt dort verzeichnet war.

Die saarländische Landesregierung entschied sich nicht unbegründet für Wadern2. Die Planungen sahen drei Bunkeranlagen vor: den eigentlichen Regierungsbunker in der Oktavie-Allee (Wadern-Dagstuhl), einen Kommunikationsbunker Am Hals (Wadern) und einen Bunker für Sicherheitskräfte unter dem im Jahr 1959 errichteten Hauptgebäude des Hochwald-Gymnasiums (Wadern). Alle drei Bunker waren miteinander über mehrere mächtige Kommunikationsleitungen verbunden. Unterirdische Verbindungsgänge, wie gerüchteweise verbreitet, gab es nicht.

Für die Baumaßnahmen am Regierungsbunker konnte man auf einen Stollen zurückgreifen, der in den aus Buntsandstein bestehenden Berg in der Oktavie-Allee gegraben worden war und der von der Bevölkerung bereits im Zweiten Weltkrieg als Schutzraum genutzt wurde. Hier sollte für die Unterbringung der Regierungsmitglieder und ihrer Stäbe eine tunnelartige Röhre eingelassen werden, in der sich die entsprechenden Arbeits- und Wohnräume befanden. Ein Zugang bestand von der Oktavie-Allee her. Auf der Anhöhe des Berges wurde ein zweiter Zugang geschaffen, der senkrecht in die Tiefe bis zur Tunnelröhre ging. Trotz der zweifellos zu Anfang vorhandenen Bemühungen und der Bereitstellung nicht unerheblicher finanzieller Mittel wurde der Regierungsbunker nicht fertig gestellt. Nach Beendigung des Kalten Krieges gab man schließlich den Bunker auf. Der untere Zugang in der Oktavie-Allee wurde zugemauert. Der obere Zugang war und ist durch ein massives Eingangsgebäude gesichert.

Bei der Einrichtung des Kommunikationsbunkers Am Hals konnte man einen bereits bestehenden alten Wehrmachtbunker nutzen. Dieser Bunker wurde mit der damals bestehenden neuesten Technik an Kommunikationsinstrumenten ausgestattet und hatte die Funktion, den Kontakt mit der Außenwelt aufrecht zu halten. Dazu gehörte auch eine mächtige Außenantenne. Der Bunker war nicht in die Erde gebaut und damit gegen mögliche Einwirkungen von außen nur durch seine stabilen Wände gesichert. Auch wenn ein Teil des technischen Inventars nach Beendigung des Ost-West-Konflikts demontiert wurde, so finden sich heute noch Kommunikationsinstrumente im Bunker, wie Telefongeräte, Telefonanlage, Fernschreiber. Diese Geräte und die einzelnen Räume des Bunkers weisen zum Teil großflächige Schimmelbildungen auf, sodass entsprechende Vorsichtsmaßnahmen beim Aufenthalt in den Bunkerräumen beachtet werden müssen.

Die dritte Bunkeranlage wurde 1959 im Zuge der Neubaumaßnahmen für das Hochwald-Gymnasium Wadern erstellt. Am 14. Juni 1959 hatte der damalige Kultusminister Dr. Franz-Josef Röder den Spatenstich für einen Neubau vollzogen, in den das 1957 gegründete Hochwald-Gymnasium einziehen sollte. Bis zur Fertigstellung des Gebäudes war die Schule in der hauswirtschaftlichen Berufsschule bzw. im ehemaligen Waderner Amtsgericht provisorisch untergebracht.
Im Kellerbereich des neuen Gebäudes wurde eine Bunkeranlage gebaut, die mit zwei Stahltoren gesichert war. Im Ernstfall sollten hier die Sicherheitskräfte untergebracht werden. Die Anlage besteht aus vier Schlaf- bzw. Aufenthaltsräumen, die mit Pritschen in Etagenbauweise und Bänken ausgestattet sind, einem Kommunikationsraum (mit Telefonanlage und zwei funktionsfähigen Fernschreibern), zwei Duschen und zwei Toilettenanlagen. Im Vorraum befindet sich ein Generator zur Stromversorgung. Ein Notausstieg aus den Bunkern war und ist über den heutigen Schulhof des Hochwald-Gymnasiums möglich.
Der Bunker war mehr oder weniger eine geheime Kommandosache. Zum Bunker hatte niemand Zugang. Was sich hinter den Stahltüren verbarg, war unbekannt – selbst dem Schulleiter.
Hausherr war das saarländische Innenministerium, das die Anlage wartete und funktionsfähig hielt. Die Prüfung der Funktionsfähigkeit wurde regelmäßig in ein Kontrollbuch eingetragen. Die letzte Eintragung stammt vom 31.10.1994.

Die Schutzwirkung der Bunkeranlage unter dem Hochwald-Gymnasium muss auch aus heutiger Sicht als sehr fraglich bewertet werden. Die Räume befinden sich zwar im Kellergeschoss des Schulgebäudes, sie hätten sicher nicht der massiven Einwirkung durch konventionelle - ganz zu schweigen durch atomare Bomben standgehalten.
Unabhängig von der Frage, wie hoch die Schutzwirkung des Bunkers unter dem Hochwald-Gymnasium gewesen war, ist die Anlage ein baulicher Zeitzeuge für die Epoche des Kalten Krieges – eine Epoche, in der die Welt mehrmals am Abgrund zu einem dritten Weltkrieg stand.
Es ist ein Glücksfall, dass eine Schule unmittelbar auf ein solches Bauwerk zurückgreifen kann, um damit eine wichtige historische Epoche der Nachkriegszeit, die die Schüler nicht aus eigenem Erleben kennen, zu veranschaulichen. Mit Hilfe dieses Bunkers ist es möglich, Geschichte und Politik aus ihrer eher abstrakten Darstellung zu lösen und sie konkret und im wahrsten Sinne des Wortes „begreifbar“ zu machen und sie damit emotional zu erfassen. Wer einmal gesehen, mit welcher Betroffenheit Schüler den Bunker besichtigen, wird die Bedeutung dieses Anschauungsobjekts für den Geschichts- und Politikunterricht verstehen. Dadurch werden bei den Schülern auf sehr wirksame und nachhaltige Weise Erkenntnis und Einsicht gefördert, dass das friedliche Zusammenleben der Menschen einen unverzichtbaren Wert darstellt, für den es sich einzusetzen lohnt.

Das saarländische Innenministerium hat mit Schreiben vom 24.06.2010 die Bunkeranlage des Hochwald-Gymnasiums entwidmet und es der Schule freigestellt, die Räume für sonstige Zwecke zu nutzen, zum Beispiel als Lagerraum. Der Autor dieses Artikels setzt sich aber dafür ein, die Bunkeranlage unversehrt zu erhalten, um sie in den Unterricht als Zeitzeuge einzubauen und um die Anlage bei Bedarf der Öffentlichkeit zur Besichtigung zur Verfügung zu stellen – nicht zuletzt, weil der eigentliche Regierungsbunker in der Oktavie-Allee und der Kommunikationsbunker verfallen und für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich sind. Aus dem intakten Bunker unter dem Hochwald-Gymnasium einen Lagerraum für Toilettenpapier und Reinigungsmittel zu machen, wäre ein pädagogischer und historischer Frevel.

1 Diester, Jörg, Geheimakte Regierungsbunker, Tagebuch eines Staatsgeheimnisses, Düsseldorf 2009, 2. erweiterte Auflage, Seite 103.

2 Die mit der Anlegung des Ausweichsitzes für die saarländische Landesregierung verbundenen Schriftsätze wurden mit dem Vermerk „Streng geheim“ bzw. „Geheim“ eingestuft. Sie befinden sich im Archiv des saarländischen Innenministeriums und sind bis heute nicht zugänglich. Die im Text getroffenen Aussagen beruhen auf recherchierten mündlichen Informationen.

siehe auch Ausweichsitz