Artikel aus der Schülerzeitung zum Thema Jugend debattiert 2011

von Selina Bernarding, Schülerin am HWG

„Jugend debattiert, das bedeutet für mich ...“ – ja was bedeutete dieses Projekt mir denn eigentlich? Diese Frage hatte ich mir so noch nie gestellt, bis ich sie auf dem Fragebogen beim Landessiegerseminar von Jugend debattiert beantworten sollte. Ich war auf der Burg Rothenfels a. M., wo jährlich die Landessieger des Projektes zusammenkommen, um sich auf den Bundeswettbewerb in Berlin vorzubereiten. Doch bis dahin war schon so einiges passiert in Sachen Jugend debattiert:

Das Projekt dient der sprachlichen und politischen Bildung von Schülern der Klassen 8 bis 12 und wird, verteilt auf 2 Altersstufen, an Schulen in ganz Deutschland durchgeführt. In diesem Jahr, beim 10-jährigen Jubiläum, wurde zum ersten Mal die Rekordteilnehmerzahl von 100.000 erreicht, damit ist der unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten stehende Wettbewerb der größte seiner Art. Von der Hertie-Stiftung initiiert geht es darum, Schülern rhetorische Bildung und Argumentationstechniken zu vermitteln, sowie aktuelle, gesellschaftliche und politische Streitfragen in die Klassenzimmer zu bringen. Auch an unserer Schule hat das Projekt schon eine gewisse Tradition und einige Erfolge vorzuweisen, jährlich durchgeführt von den betreuenden Lehrern Edwin Didas und Mathias Wolbers. Im Rahmen eines Seminarfaches nahmen wir auch in diesem Jahr wieder am Wettbewerb teil. Dort konnten wir durch regelmäßige Probedebatten schon einmal Erfahrungen sammeln und uns mit den Regeln des Debattenformats vertraut machen. Robert Sitner und ich vertraten unsere Schule beim Regionalwettbewerb in Saarlouis und debattierten mit den Schulsiegern aus 4 anderen Schulen der Umgebung. Nach 2 Qualifikationsrunden standen die Teilnehmer des Finales fest: Robert und ich hatten es beide unter die besten 4 geschafft und debattierten jetzt noch einmal gemeinsam in der Finaldebatte auf der Proseite für das Projekt „GoogleStreetView“ in Deutschland. Ich durfte nun als Regionalsiegerin unseres Verbundes an einem 3tägigen Rhetorikseminar von Jugend debattiert in Kirkel teilnehmen, um mich gemeinsam mit den Gewinnern der anderen Regionalverbünde auf den Landeswettbewerb in Saarbrücken vorzubereiten. Der Tag des Landesfinales war gekommen und ich debattierte in der Qualifikationsrunde für die Einführung des sog „Südabiturs“ und gegen das verpflichtende Angebot an Ausbildungsplätzen. Jetzt wurde es spannend; die Jury hatte jeden Debattanten in den 4 Kriterien Sachkenntnis, Ausdrucksvermögen, Gesprächsfähigkeit und Überzeugungskraft bewertet und die 4 Finalteilnehmer standen fest: Ich durfte nun auch an der 3. und letzten, der Finaldebatte des Landesfinales im Saarland teilnehmen. Debattiert wurde die Frage „Soll zu Großprojekten wie Stuttgart21 jeweils ein Volksentscheid stattfinden?“. Wir klärten die Positionen untereinander und ich debattierte gemeinsam mit Tim auf der Contraseite. Bis dahin hatte ich nun schon so einige Debatten geführt, vor 2 Jahren beim Wettbewerb, im Seminarfach, im Regionalverbund und beim Seminar in Kirkel; doch dieses Gefühl war irgendwie anders: Im voll besetzten Sendesaal des Saarländischen Rundfunks am Stehpult mit Mikrofon zu stehen, in 200 aufmerksame Gesichter zu blicken, das Wort zu ergreifen und spontan eine 2minütige Gegenrede zum Vorschlag der Proseite zu halten – das ist Aufregung pur, aber genauso auch Spaß, sich gegenseitig die Argumente zuzuspielen und auf das Gesagte zu reagieren. Am Ende der Debatte Zufriedenheit, wir hatten es geschafft, und waren gespannt, wie die Jury unsere Debatte bewertet hatte. Erleichterung, als Projektleiter Ansgar Kemmann das Wort ergreift und feststellt : „ Chapeau, eine Debatte mit Niveau“. Aber erst jetzt wurde uns 4 zum ersten Mal so richtig bewusst: 2 von uns würden die Chance bekommen, zum Bundesfinale nach Berlin zu fahren, um zusammen mit den 30 besten Debattanten aus ganz Deutschland die 4. und letzte Stufe des Wettbewerbs zu bestreiten. Sie würden außerdem zum 5tägigen Landessiegerseminar auf die Burg Rothenfels fahren, um sich dort, genau wie bei den anderen Jugend-debattiert-Seminaren, mithilfe professioneller Rhetoriktrainer intensiv vorzubereiten. Nach der Juryrückmeldung die Entscheidung: und tatsächlich, ich hatte es geschafft. Mit dem 2. Platz hinter Timo Neumann waren wir beide als Landessieger weiter dabei. Nach Berlin zu fahren, damit hätte ich nie gerechnet, kannte man doch die Filme der vergangenen Jahre von den Bundesfinaltagen. Unter den besten 32 von 100.000, die mitgemacht haben, das war für mich ein toller Erfolg. Doch Jugend debattiert ist nicht nur Wettbewerb, das wird spätestens beim Landessiegerseminar auf der Burg Rothenfels klar. In den umgebauten Burgräumen sind es intensives Rhetoriktraining, viel Spaß und ein gewisser Burgflair, die den Charakter des Seminars ausmachen. Denn wenn 64 junge Leute aus allen Ecken Deutschlands hier zusammenkommen, dann lebt Jugend debattiert. 64, die alle großen Spaß am Diskutieren und Debattieren haben und so in kurzer Zeit viele neue Freundschaften schließen. Nach 5 Tagen hieß es dann Abschied nehmen, aber nur kurz, denn zu den Bundesfinaltagen am 2. und 3. Juni in Berlin würden wir uns alle wiedersehen. Meine Qualifikationsrunde in Berlin führte ich zum Thema Präimplantationsdiagnostik zusammen mit dem jetzigen Bundessieger Alexander auf der Contraseite. Auch wenn es für das Finale nicht gereicht hat, war es doch das Gefühl, live dabei gewesen zu sein, im Auswärtigen Amt bei der Bundesfinaldebatte des Wettbewerbs, in Anwesenheit unseres Bundespräsidenten, beim Alumniabend mit den Ehemaligen und natürlich auf der Burg. Während der gesamten Zeit mit Jugend debattiert habe ich viel gelernt zu Themen wie Rhetorik und Argumentation, verknüpft mit Kompetenzen wie Meinungs- und Persönlichkeitsbildung. Aber das ist bei weitem nicht alles, was das Projekt ausmacht.

„Jugend debattiert- das bedeutet für mich“ mit Spaß an der Sache zusammen mit vielen neuen Leuten aus ganz Deutschland spannende Themen zu diskutieren und Erfahrungen zu sammeln, das bedeutet auch, schon beim Frühstück auf der Burg oder auf Zugfahrten politische und gesellschaftliche Streitfragen von verschiedenen Seiten zu betrachten, seine Meinung zu vertreten, aber auch mal die Meinung der Gegenseite anzunehmen. Jugend debattiert, das ist mehr als nur Wettbewerb – es geht darum, in Schülern das Interesse an Politik zu wecken, das Thema Rhetorik in die Schulen zu bringen und nicht zuletzt auch darum, auf dieser Basis, den Austausch junger Leute zu fördern. Deshalb hoffe ich, dass auch in den nächsten Jahren Schüler unserer Schule wieder dabei sein werden, wenn es darum geht, den Spaß an der Debatte in den Mittelpunkt zu stellen.

Debattiert wird jeweils zu 4. mit je 2 Pro- und 2 Contraredner, wobei jeder in der Eröffnungsrede seinen Standpunkt darlegt, ihn anschließend in der freien Aussprache mit den anderen diskutiert, um in der Schlussrede schließlich ein Fazit aus der Debatte zu ziehen. Das Ganze wird nur von einem Zeitnehmer geleitet, dessen Klingelsignal die Redezeit festlegt. Es gibt keinen Diskussionsleiter, die Debattanten gestalten die Beiträge selbst untereinander.