Der bekannte Fremde - der fremde Bekannte

Bericht und Fotos von Georg Kreutzer, Begleiter des Davis-Austauschs

Der Anruf kam unverhofft an einem Sonntag Morgen. Ob ich mit nach Davis wollte? Die Bedenken waren eigentlich nur theoretisch, aber als Erwachsener darf man eine Entscheidung dieses Ausmaßes nicht spontan bejahen. Ich wartete also noch ein bisschen und machte dann meinem Kollegen, Herrn Selzer, die freudige Mitteilung, dass dem nichts im Wege stünde. Herr Selzer hatte schon alles hervorragend vorbereitet, und so musste ich eigentlich nur dabei sein. Ab irgend einem Zeitpunkt ging dann alles sehr schnell. Innerlich war ich noch nicht soweit. Unversehens fand ich mich schließlich im Flugzeug nach Amerika wieder. Als ehemaliger New Yorker und mit Verwandtschaft in den Vereinigten Staaten war das so ungewöhnlich nicht, aber es ging ja nach Kalifornien. Als überzeugter East-Coastler hatte ich beim Zwischenstopp ein Gespräch mit einer Amerikanerin aus Dallas, der ich erzählte, dass ich es wohl nicht mögen würde, dieses Easy-Living-Surfbrett Kalifornien. Sie sagte, ich solle mich doch erst mal darauf einlassen. Natürlich hatte sie recht.

Woodland

Am Flughafen in Sacramento wurden wir mit einer Herzlichkeit und Offenheit empfangen, gegenüber der wir als Deutsche selbst noch dann stocksteif wirken, wenn wir glauben, absolut überschwänglich zu sein. Die Schülerinnen und Schüler fanden ihre Tauschpartner direkt, begrüßten sich wie alte Freunde und tauchten alsbald ab bei ihren Gastfamilien. Bei der offiziellen Eröffnungsfeier waren im Gegensatz zu mir denn auch schon fast alle mit ihren Familien in San Francisco gewesen, eine Schülerin sogar schon in San Diego. Andere waren Ski fahren gewesen. Das war offenkundig Assimilation im Raketentempo.

   
San Franciso

Bei meiner ersten Begegnung in der Schule in Davis zeigten unsere Schüler/innen auch ein außerordentliches Talent, nicht aufzufallen - sie sahen aus wie Amerikaner und bewegten sich auch so. Sie gingen mit ihren Partnern in die verschiedenen Klassen und taten auch ansonsten alles sehr selbständig. Eigentlich brauchten sie mich überhaupt nicht. Ich versuchte inzwischen, das amerikanische Schulsystem zu verstehen. Eigentlich sieht das eher aus wie ein Uni Betrieb, denn die Schüler/innen haben offensichtlich mehr Fächer zur Auswahl als bei uns. Man hat die Option, die Fächer mehr oder weniger intensiv zu belegen, was sich durch die Dauer der Belegung ausdrückt. Dieses System funktioniert organisatorisch nur deshalb, weil verschiedene Altersstufen in einer Klasse sitzen. Ein weiterer Unterschied ist, dass die Lehrer/innen einen eigenen Klassenraum haben, in dem sie sich einrichten können, was auf der anderen Seite heißt, dass die Schüler wandern, also keinen Klassenraum haben. Was die Ausstattung anbelangt, so habe ich ein unterschiedliches Bild wahrgenommen. Das Spektrum reicht vom dunklen, barackenartigen Raum mit alten, viel zu kleinen Schulmöbeln und einem lärmendem Klimagerät bis zum mit allen Finessen ausgestatteten, Licht durchflutenden Raum, in dem jeder Schüler über ein Notebook verfügt. Das absolute Highlight in der Schule war für mich die Jazz Bigband. Was dort dargeboten wurde, hat all meine Erwartungen bei weitem übertroffen. Hervorragende Musiker, technisch brillant und mit Fähigkeiten ausgestattet, auch komplizierteste Rhythmen vom Blatt zu spielen. Das Ganze klang so professionell, dass es mir die Sprache verschlug.

Yosemite

Nach dieser Schulphase hatten wir Gelegenheit, uns die amerikanische Naturlandschaft anzusehen. Wir fuhren zum Yosemite National Park, wo wir ein paar Tage unter uns waren und unter anderem Zeit hatten, das Programm für den „deutschen Abend“ einzustudieren. In einfachen Hütten und etwas beengt, aber sehr kostengünstig untergebracht war auch diese Zeit sehr instruktiv und schmiedete uns als Gruppe zusammen. Uns war es vergönnt, diese atemberaubende, gewaltige Landschaft zu durchwandern. Wandern ist vielleicht etwas untertrieben, denn das waren bisweilen strapazierende Bergtouren. Man bedenke, dass auf den Berggipfeln etwa ein halber Meter Schnee lag. Um so mehr freuten wir uns auf das anschließende Beisammensein in dem gemütlich angelegten Gemeinschaftsraum mit offenem Kamin, wo wir, nachdem wir gevespert hatten, noch etwas Zeit hatten, all das zu verarbeiten, was wir erlebt hatten. Nichts war für mich in diesem Moment weiter weg als Wadern. Nach dem Besuch des Yosemite Parks begaben sich die Schüler/innen wieder in ihre Gastfamilien, wo die Tauschpartner schon sehnsüchtig warteten.

Woodland

Insbesondere die Fahrt nach Kalifornien verdient den Namen Lehrfahrt, denn wir haben sehr viel gelernt; am meisten wohl über uns selbst. Hunderte von amerikanischen Filmen aus Kino und Fernsehen, Nachrichten, Zeitschriftenartikel und Bücher haben unser Amerikabild geprägt. Alles kommt uns irgendwie vertraut vor, und die offene Art der Amerikaner sorgt ihrerseits dafür, dass das Fremde gar nicht so fremd erscheint. Auch sprachliche Barrieren gibt es eigentlich nicht. Dennoch, je länger wir dort sind, je intensiver wir beobachten, umso mehr fällt uns auf, dass Amerikaner keine Englisch sprechende Ausgabe von uns selbst sind, und dass wir keine Deutsch sprechende Amerikaner sind. Aus der Distanz gewinnen wir sehr viel eher Klarheit darüber, was unsere eigene Identität ist. Persönliche und soziale Identität zu sichern, das bedeutet erwachsen werden. Insofern sind wir alle ein bisschen erwachsener geworden.