Ein durchaus dramatischer Austausch

Theatralischer Erfahrungsbericht über das Schüleraustauschprojekt  zwischen dem Hochwald-Gymnasium Wadern und der Fuzhou No. 1 Middle School vom 5. bis 14. August 2011 in Deutschland und vom 9. bis 16. Oktober in China

von Birgit Schommer, Leiterin des Austausches am HWG

Um es gleich vorwegzunehmen: wer sich dazu entschließt, in ein internationales Schüleraustauschprogramm ein Theaterprojekt einzubauen, muss sich darüber im Klaren sein, dass die Theateraufführung nicht nur den hoffentlich krönenden Projektabschluss darstellt, sondern auch über Erfolg oder Misserfolg des Austausches mitentscheidet, und somit von Anfang an einen bestimmenden, bisweilen erdrückenden Einfluss auf die Austauschwoche ausübt.
Jeder Mensch also, der, noch dazu im Rahmen eines Schulaustauschprojekts, ein Schulheaterprojekt in Angriff nimmt, als ginge er bis an die Zähne bewaffnet in eine Schlacht, sollte immer auf alles gefasst sein und sich niemals vor irgendetwas fürchten. Von Vorteil wäre zusätzlich eine gehörige Portion Idealismus (man könnte auch sagen: Naivität), um mit den Proben überhaupt zu beginnen, jede Menge Durchhaltevermögen respektive blindwütigen Starrsinn, um gegen zunehmende Widerstandskräfte der Schülerschar diese Proben durchzuziehen, ein gerüttelt Maß an Optimismus (gegebenenfalls auch Selbstverachtung für die mögliche (zwischendurch garantierte) Katastrophe, auf die die Proben hinauslaufen,), sowie den nötigen Stoizismus, auch katatonischer Schockzustand genannt, die Aufführung nicht in letzter Sekunde (wegen der erwähnten abzusehenden Katastrophe) abzusagen.
Wenn Aberglaube in der Welt des Theaters Wunder wirkt, dann dieses: eine Generalprobe muss immer daneben gehen, damit die Premiere gelingt. Unsere Generalprobe jedenfalls ging so ungenial daneben, dass die Premiere fulminant hätte werden müssen. Sie war dann „na, ja, ganz o.k.“, oder „den Umständen entsprechend sehr gut“, oder gar „höchst erstaunlich“, je nach denen, die man anschließend befragte. Jedenfalls keine Katastrophe, denn Schüler, das wissen eigentlich alle, die im Schultheatergeschäft arbeiten, (mir wird es immer erst wieder klar, wenn ich mich mit vor Angst stockendem Atem in der Dunkelheit der Premierennacht gegen die Rückwand des Zuschauersaals drücke, in Erwartung des sicheren Desasters, das dann doch nie eintritt), Schüler also (hüben wie drüben, um auf den internationalen Schüleraustausch zurückzukommen) gehören zur Spezies der absoluten Deadliner, so bereiten sie ihre Referate vor, so lernen sie für Klassenarbeiten, und so gehen sie auch auf die Bühne: minimalistisch aber kurzzeitig hochkonzentriert, weil voll gedröhnt mit Text und Regieanweisungen, wie in Trance, mit schlafwandlerischer Sicherheit. Und alles läuft plötzlich wie am Schnürchen bis sich der Vorhang wieder schließt.
Die Idee, für das Theaterprojekt im Rahmen des Schüleraustausches zwischen dem HWG Wadern und einer chinesischen Mittelschule William Shakespeares Romeo and Juliet auszuwählen, in dem zwei miteinander verfeindete Familien durch die Liebe ihrer Kinder sich nach deren Tod versöhnen, war verführerisch. Wie könnte man besser die irrationale Feindschaft zwischen zwei Personengruppen beenden als durch das größtmögliche an Irrationalität: die Liebe? 34 heranwachsende Menschen könnten auf diese Weise spielerisch herausfinden, was sie abgesehen von ihrem Pass voneinander unterscheidet und über die Neugier auf fremde Länder hinaus miteinander verbindet.
Und so machte ich mich daran, das berühmteste Liebesdrama der europäischen Literaturgeschichte für unsere Austauschzwecke zu bearbeiten. Die eine Familie Veronas würde von Deutschen auf deutsch gespielt werden, die andere von Chinesen auf chinesisch, ein klarer Fall von schwerwiegenden Verständigungsproblemen, die zu eklatanten Missverständnissen und überflüssigen Todesfällen führen würden, ganz wie im richtigen Leben der allabendlichen Acht-Uhr-Nachrichten. Nur zwei würden aus diesem Wahnsinn ausscheren und, beflügelt von der Liebe, sich auf Englisch verständigen und sogar verstehen, weil Englisch nun mal die einfachste und coolste Weltsprache der Welt ist. Die beiden würden ihren eigenen Untergang dadurch zwar nicht verhindern können, weil die Probleme der Welt eben nicht allein durch eine gemeinsame Sprache behoben werden können, aber die Familien würden am Grab ihrer Kinder Frieden schließen, auf Englisch natürlich. Peace, man!
Dass ich für Julias Familie Capulet die Deutschen auswählte, hatte triftige Gründe: von meinen 15 austauschwilligen Mädchen zählten allein drei zu meiner Theater AG (eine von ihnen bot sich sofort und freiwillig als Julia an) und weitere vier unterrichtete ich in Darstellendem Spiel, von den meisten anderen wusste ich, dass sie musisch-tänzerisch etwas beisteuern konnten. Die beiden Jungs in der Gruppe verfügten leider über keine der aufgeführten Neigungen (auch wenn sie sich später als Tybalt und Paris wacker schlagen würden), und so hoffte ich einfach auf zwei wunderbare chinesische Schauspieler für die Rollen des Romeo und seines Freundes Benvolio. Bei Benvolio erfüllte sich meine Hoffnung über alle Maßen. Dabei hätte Pengxu Zhuo fast nicht mitfahren dürfen, weil er sich nicht ausreichend die Füße wusch, (erklärte mir meine Kollegin allen Ernstes) und als er dann doch mit durfte, durfte er den Romeo nicht spielen, weil er zu hässlich war (erklärte mir meine Kollegin ebenfalls allen Ernstes). Gut, schön war er wirklich nicht, seine Aussprache war feucht und seine Bewegungen abrupt und ein wenig Angst einflößend, aber er hatte Präsens auf der Bühne, auf der er sofort zuhause war. Kein Wunder: er war an seiner Schule Mitglied des Drama Clubs. Das einzige Problem, dass ich anfangs mit ihm hatte, war, dass er sofort die Regie übernehmen wollte. Nach einigem Gerangel akzeptierte er den Part des Regieassistenten und war mir von da an eine wirklich große Hilfe. Haoming Dong aber, der designierte Romeo, blieb ein Problem und zwar bis zum Schluss, und trotzdem sollte er, an dem wir uns alle die Zähne ausbeißen würden, es sein, der sich an seiner Schule Ruhm und Starstatus abholen würde, was er, also nun mal ehrlich, allein Lisa, Svenja und Linda zu verdanken hatte, denn ohne die drei wäre es nie zum äußersten im Leben eines chinesischen Schulschauspielers wider Willen gekommen, dem fast einminütigen Bühnenkuss auf einer chinesischen Bühne.

Romeo lernt

Doch eins nach dem anderen.
Das Skript entstand nach und nach, mit deutschen Dialogen für die Capulets, englischen Dialogen für die Montagues, die diese anhand einer chinesischen Textausgabe noch in China durch chinesische Dialoge ersetzen sollten. Aber wahrscheinlich hatte ich mich in meinen Mails nicht klar genug ausgedrückt. Denn als die 19köpfige chinesische Gruppe Anfang August bei uns in Wadern eintraf, war schnell klar, dass wir mit unserem mysteriösen Theaterprojekt ein Buch mit sieben Siegeln für sie sein mussten, ebenso wie sie eine Gleichung mit 19 Unbekannten für uns darstellten. Zwar hatten sie wunderschöne Kostüme der Peking Oper und traditionelle chinesische Musikinstrumente mit im Gepäck, auch hatten drei Mädchen gemeinsam einen englischen Popsong, der die Romeo und Julia Geschichte zum Inhalt hatte, einstudiert. Doch war, dramatisch gesehen, so gut  wie noch nichts geschehen. Kein Wunder, sie hatten sich nicht vorstellen können, wie das funktionieren sollte: Shakespeare auf deutsch, englisch und chinesisch. Daran sollte sich jedoch schnell etwas ändern, hochdramatisch gesehen, und dem Namen des Projekts, „Dramatic Exchange“, alle Ehre machen. 
Meine beiden chinesischen Kolleginnen waren mir zunächst keine große Hilfe: die eine sprach kein Wort Englisch, und die andere interessierte sich während der Proben eher für ihren Laptop und die Musik, die aus ihren Ohrstöpseln quoll, als für meine immer verzweifelter werdenden englischen Regiebemühungen. Erst in der Generalprobe, als ich am Rande eines Nervenszusammenbruchs mit Schaum vor dem Mund vor Romeo stand, der immer noch mit den Seiten des Skripts mehr herumwedelte als mit den überlangen Ärmeln seines Kostüms, der immer noch nicht spielen konnte, weil er immer noch nicht seinen Text konnte, weder den chinesischen noch den englischen, weil er entweder damit beschäftigt war, mit einem seiner drei Handys nach China zu telefonieren oder über seinen Laptop (vornehmlich die ganze Nacht) mit chinesischen Freunden zu chatten und damit seine Gastfamilie wahnsinnig machte und außerdem die arme Julia und mich zur Weißglut trieb, auch und vor allem weil er sie während der Proben weder umarmen noch küssen wollte, noch überhaupt irgendeinen Körperkontakt duldete, er, der den Romeo spielte, die männlichste Hauptrolle in dem berühmtesten Stück der Literaturgeschichte über das berühmteste Liebespaar der Welt,… da endlich erwachte meine Kollegin aus ihrer Theaterlethargie und überschüttete unseren Anti-Romeo auf chinesisch mit einem solch gewaltigen Wortschwall, dass wir anschließend keine Übersetzung brauchten, Romeos Hände dafür aber beängstigend zitterten. In der Aufführung zwei Stunden später konnte er seinen Text (na, ja, die chinesische Souffleuse saß in der Balkonszene hinter dem Balkon und gab ihm eine gewisse (Text-) Sicherheit) umarmte anstandslos Julia hinter dem Lampion, lag brav neben ihr in der Hochzeitsnacht, starb ordnungsgemäß zu ihren Füßen und ließ sich am Schluss sogar dazu hinreißen, mit seiner Juliet noch einmal zum Verbeugen vors applaudierende Publikum zu treten und sie in den Arm zu nehmen.
Fünf ganze Proben (inklusive Generalprobe) lagen da hinter uns, dazu zwei ganze Ausflugstage, sowie Unterrichtsbesuche und Präsentationen. Eine volle Woche, eine überfüllte Woche, in der die Probenarbeit und die drohende Aufführung alles andere beherrschte, ein eng geschnürtes Korsett, das gleichzeitig aber auch ungemein stützte und uns schließlich alle zusammenschweißte, weil wir wussten, dass wir am Aufführungsabend Publikum haben würden, dass nicht nur aus wohlwollenden Eltern und Geschwistern bestehen würde. Diejenigen, die Theatererfahrung hatten, bedrängten mich sogar gegen Ende der Woche, die Proben zu verlängern, weil sie die Fantasie hatten, sich vorzustellen, was alles schief gehen konnte. Aber auch diejenigen, die nicht so involviert waren und langsam ein wenig unwillig wurden, dass kaum Zeit blieb für andere Aktivitäten, protestierten nur schwach, weil ihnen im Laufe der Proben zumindest etwas mulmig geworden war, dass die ganze Theaterchose doch in die Hose gehen könnte. Alle saßen schließlich bei diesem Austausch in einem Boot: mitgefangen, mitgehangen. 
Wie schon gesagt, bei der Aufführung lösten sich alle gordischen Knoten in Luft auf, der deutsch-englisch-chinesische Mix wurde irgendwie verstanden, es wurde an den richtigen Stellen gelacht und nach jeder Szene geklatscht: das Konzept war offensichtlich auf gegangen. Die 2. Aufführung in der Fuzhou No. 1 Middle School in China würde ein Klacks sein, so dachte ich.

Als wir knapp 2 Monate später in Fuzhou eintrafen, übernächtigt vom Jetlag, die Füße geschwollen vom 16stündigen Flug, begann sofort ein perfektes Programm für uns einzurasten: Begrüßungsessen in der Mensa, Empfang beim Direktor und seinen Vize, kurze Ansprachen mit Beteuerungen über die Wichtigkeit interkultureller Austausche, Gruppenfotos, Mittagsschlaf in den Schlafsälen, Unterrichtsbesuche, schließlich Übergabe an die Gastfamilien. Die insgesamt etwa 4000 SchülerInnen umfassende Junior- und Seniorschool, die beste in der 6 Millionenstadt Fuzhou, verfügt über jahrelange Erfahrung mit Austauschprojekten, die sie mit den USA, Canada, England, Frankreich und Japan unterhält. Wir erhielten hervorragend vorbereiteten Unterricht in Tai Chi, chinesischem Tanz, Chinesisch, Gesang und Musik mit traditionellen chinesischen Instrumenten und Kunstunterricht in chinesischer Malerei und Scherenschnitt, dazu machten wir Ausflüge zu einem Buddhistischen Tempel, dem Pandazoo und dem Schifffahrtsmuseum in Mawei. Die chinesischen GastschülerInnen wurden während der Austauschwoche in keiner Weise geschont, jeden Tag Unterricht bis halb sechs, bis zu einer Stunde Autofahrt nach Hause durch den Wahnsinnsverkehr einer Millionenstadt, zu Hause nach dem Essen lernen für vier Klausuren in einer Woche, während des Schultages in allen Pausen Proben für den großen Sportstag am Donnerstag, eine Massenveranstaltung, eine Miniolympiade sozusagen, das Highlight des Schuljahres eben. Unsere kleine Theateraufführung sollte am selben Abend unter „ferner liefen“ stattfinden, die Proben wurden täglich weiter verschoben, bis nur noch der Donnerstagnachmittag blieb.
Unsere einzige Probe und damit auch Generalprobe wurde dann ein Drama für sich. Es gab weder Vorhang noch Bühnenbild, die Lichteinstellungen waren mehr als spärlich, zwar bekam ich den chinesischen Schultechniker an die Hand, aber er verstand kein Englisch und agierte in einem Raum hinter der Bühne, sodass meine TechnikerInnen sich ihre Partnerinnen zum Übersetzten schnappen und zwischen Bühnen- und Technikraum hin- und herlaufen mussten. Als wir dann endlich mit der Probe begannen, gerieten die deutschen DarstellenInnen sehr bald in Panik, weil die Dialoganschlüsse nicht mehr stimmten: sie klagten, dass die chinesischen DarstellerInnen irgendwie mehr und anderen chinesischen Text sprächen und dass sie deren letzte Wörter, die sie in Deutschland gelernt hatten, um ihren Text im Anschluss daran abzuspulen, nicht mehr erkannten. Klar: die chinesischen SchülerInnen hatten in Deutschland nur Minimaltext gesprochen, da er vom deutschen Publikum nicht verstanden wurde. Hier in China war das natürlich eine andere Sache. Überhaupt war alles plötzlich anders, fast nichts war von chinesischer Seite vorbereitet worden, der Lampion, den Romeo erst nach Stunden besorgte, hing viel zu tief, um sein Nichtküssen in der Kussszene zu verdecken, also brachten ihm Svenja und Linda den Bühnenkuss mit seinem eigenen Daumen auf Lisas Mund bei: Allgemeines Aufatmen, als er sich endlich dazu breitschlagen ließ! In der Kampfszene gab es keine Stöcke zum Kämpfen, und als Benvolio schließlich Besenstiele besorgte, waren sie knallrot und er zerbrach sofort einen, weil er beim Kämpfen zu fest draufhaute. Spätestens da entschied ich mich, nur noch zu lachen anstatt mich heulend in eine Ecke zu verkriechen. So viel improvisiert habe ich in meinem Leben noch nicht! Wenn ich gewusst hätte, dass alles am Ende gut geht (aber so etwas wird mir immer erst wieder klar, wenn ich mich mit vor Angst stockendem Atem in der Dunkelheit der Premierennacht … siehe oben), dann hätte ich diese Adhoc-Inszenierung noch mehr genossen. Nach der 7. Szene brachen wir abgekämpft die Probe ab, wir konnten jetzt nur noch fatalistisch der Dinge harren, die da kommen würden, und ließen die frühzeitig hereinströmenden ZuschauerInnen ein.

Lisa vor "Romeo and Juliet"

Sie wurden zu dem bezauberndsten Publikum, das ich je kennen gelernt habe. Ich stellte mich ganz hinten hin, eingreifen konnte ich sowieso nicht mehr. Die Aula war brechend voll, über 400 Zuschauer, etliche standen in den Gängen. Und wieder einmal klappte alles wie am Schnürchen, sodass ich gar nicht mehr so sehr auf die Bühne schauen musste, weil ich das ja schon kannte. Der Zuschauerraum wurde zu meiner Bühne. Von Anfang an reagierte das Publikum auf jede Einzelheit, die sich da vorne abspielte. Applaus rauschte auf, als der allseits bekannte Benvolio die Bühne betrat. Ein bewunderndes Raunen ging durch den Zuschauerraum, als Julia auftrat. Handys, I-Phones und Digitalkameras wurden zu Hunderten in die Höhe gehalten, leuchteten und blitzten auf, als Lukas als Paris, der deutsche Schwarm der chinesischen Mädchen, seinen kurzen Auftritt hatte. Noch mehr Blitzlichtgewitter und aufgeregtes Getuschel beim Bühnenkuss, dann als Mercutio und schließlich Tybalt sehr gekonnt starben, minutenlanges aufgeregtes Flüstern während der Hochzeitsnacht unter dem Tuch, das aufgrund eines Änderungsvorschlags meiner Kollegin Liu Yan unmöglich weiß wie in Deutschland hätte sein können, denn die Farbe Weiß stand für den Tod! Also brachte sie aus dem Lehrerschlafsaal kurz vor Aufführungsbeginn noch schnell einen Bezug mit rosa Teddybären an. Prompt weigerte sich die Julia-Darstellerin, sich darunter zu legen, das sei, nach allem, was sie mit Romeo mitgemacht habe, unzumutbar. Sie hat dann doch unter den Teddybären ihre Hochzeitsnacht auf der chinesischen Bühne verbringen müssen: ganz klar ein Zeugnis ausgleichender Gerechtigkeit für unseren ach so prüden Romeo! 
Irgendwann später, nach einem nicht endenwollenden Beifall, als wir erschöpft am Bühnenrand standen und von begeisterten ZuschauerInnen beguckt , ausgefragt, interviewt und fotografiert wurden , da spürte ich in dem freundlich aufgeregten Gewühl plötzlich die Hand des Direktors in der meinen. Er nickte mich lächelnd an und sagte etwas, das ich nicht verstand. Dann entschwand er, in seinem Gefolge etwa ein Dutzend Schulleiter aus der Provinz Sezhuan, die eine Woche an seiner Schule hospitiert hatten. Dankbarkeit, das wusste ich, drückt sich in China normalerweise nicht über Händeschütteln aus. Aber eine Annährung an deutsche Gepflogenheiten, das verstand ich sofort, seinerseits war unter diesen Umständen angebracht: schließlich hatte unsere Vorstellung seiner Schule den Tag gerettet, denn das große Sportfest war wegen Starkregens buchstäblich und komplett ins Wasser gefallen.
Dieser deutsch-chinesische Händedruck am Ende eines denkwürdigen deutsch-chinesischen Theaterprojekts zählt zu meiner ganz persönlichen, immateriell interkulturellen Trophäe.

Romeo liest Skript
   

„Das Theaterstück wird ein Desaster!“

von Melinda Tanriverdi, Schülerin am HWG

Morgens sieben Uhr in Fuzhou. Meine Klimaanlage scheint noch zu laufen. Es fühlt sich angenehm an. Für einen kurzen Moment im Halbschlaf muss ich überlegen, ob ich wirklich denn auch in Fuzhou bei meiner Gastfamilie bin. Ich öffne die Zimmertür, die an das Wohnzimmer grenzt. Schwüle Luft schlägt mir ins Gesicht. Die Mutter mixt mir wie jeden Morgen in der Küche ein Peanut-Milk-Getränk. Der Vater sitzt im Büro. Und plötzlich wird alles wieder klar und deutlich. Ja, ich bin Fuzhou! Normalerweise war ich immer schon vor Ella wach. Sie wird immer so liebevoll und fürsorglich aufgeweckt von ihrer liebsten Mutter. Doch heute Morgen sollte etwas es sein. Während mir dieses Getränk mit Haferflocken und Erdnüssen anfing zu schmecken, saß meine chinesische Austauschschülerin mit Toastbrot und Nutella genüsslich vor mir. Das wäre noch mal so ein Schnappschuss geworden, ein Bild mit Hintergrund, mit Geschichte.
Jedenfalls mussten wir zur Schule. Wie jeden Morgen wurden wir von Ellas Vater gefahren. Der Verkehr war mordsgefährlich, aber so langsam fing das Autofahren an, mir an Spaß zu machen. Allein, wie viele ungesicherte Kinder man auf den Mofas sah, war schon ein Erlebnis. Das Wetter heute Morgen spielte hingegen einfach nicht mit. Seit Tagen trainierten die Schüler und Schülerinnen der Fuzhou Middle School N° 1 für den Sports Day, der am heutigen Morgen stattfinden sollte. Die Eröffnungszeremonie sollte bestmöglich verlaufen. Alles sollte perfekt sein. Auch wir hatten uns sehr auf das Spektakel gefreut. Alle Schüler und Schülerinnen der Austauschgruppe warteten vor der Eingangshalle unter dem Dach. Ein wildes Durcheinander ergab sich bei dem Gespräch über das Programm. Doch es sollte wegen der stark einsetzenden Regenfälle nicht funktionieren. Nach langem Warten kam endlich eine Durchsage mit der Information, dass die Eröffnungszeremonie unter diesen klimatischen Bedingungen abgebrochen und um eine Woche verschoben werden müsse. Das war natürlich doch ein herber Schlag in den Rücken. Ich persönlich war ziemlich traurig deswegen, weil ich mich besonders auf etwas gefreut hatte, bei dem alle einen Beitrag leisten mussten. Da auch überraschenderweise „Introduction to the chinese tea culture“ ausfiel, hatten wir einen angenehmen Aufenthalt in unseren Schlafsälen. Es gab immens viel zu erzählen an dem Morgen. Ich weiß allerdings nicht, woran das lag. Ich kann nur eins mit gutem Gewissen sagen: Wir hatten mächtig unseren Spaß während der Erzählungen. Uns wurde allmählich bewusst, wo wir uns in dem Moment aufhielten, bei welchen Familien wir gelandet waren und wie unsere häuslichen Zustände waren.
Dann, am Mittag trafen wir uns wie gewohnt in der Mensa zum Essen. Zur Gewohnheit wurden auch das Fotografieren und das Ansprechen, das von all den chinesischen Schülern und Schülerinnen ständig kam. Anfangs war ein „Rest“ nach dem Mittagessen eingeplant, doch da all unsere vorherigen Theaterproben ausgefallen waren, mussten wir heute Vollgas geben, damit wir wenigstens was halbwegs Ordentliches auf die Bühne kriegen. Bis zu unserem Auftritt hatten wir gerade mal sechs Stunden. Und da sollten wir eine komplette Generalprobe und vorher noch Szenenproben hinbekommen? Da müsste schon ein Wunder geschehen!
Da standen wir nun alle in der chinesischen Aula ohne Requisiten, ohne Techniker, allein. Die erste Szene schien noch im Gedächtnis zu sein, doch der Tanzpart klappte ganz und gar nicht. Die folgenden Szenen sahen nicht besser aus. Zahlreiche Fehler tauchten auf, mit denen zuvor niemand gerechnet hätte. Zusätzlich zu alldem herrschte eine schwüle Atmosphäre. Hätte es nicht die Fächer zum Fächeln gegeben und das kostenlos zur Verfügung gestellte Trinkwasser, dann wären wir dahin geschmolzen. Das brachte uns bezüglich der Konzentration zum Glück auf einen höheren Stand. Als hätte der Gedanke an einen katastrophalen Abend nicht gereicht, kam noch das zu frühe Eintreffen der Eltern und Schüler und Schülerinnen hinzu. Die Generalprobe wurde in der siebten Szene schlicht und einfach abgebrochen. Eigentlich hatten wir auch die Nerven nicht mehr für eine Fortsetzung. Da standen wir nun da mit einer abgebrochenen Generalprobe.
Es ist noch knapp eine Stunde bis zur Aufführung. All diese Direktoren werden in der ersten Reihe sitzen. Die Halle wird voll sein. Nebenbei ist zu erwähnen, dass die siebte Szene uns mehr als Nerven und eine Stunde gekostet hat. Wir waren ehrlich gesagt kurz davor aufzugeben. Doch erstaunlicherweise waren die chinesischen Austauschschüler alle munter, fröhlich und äußerst optimistisch. Frau Schommer war die Retterin in der Not. Sie rief alle Schauspieler, Schauspielerinnen und alle Mitwirkenden auf die Bühne. Wir bildeten einen Kreis und sammelten uns. Durch Frau Schommers aufmunternde Worte stieg das Wir- und Gruppengefühl enorm an. Währenddessen stieg auch die Aufregung. Man sollte eigentlich bedenken, dass all diese Chinesen uns gar nicht verstehen können. Da stellt sich die Frage: Wieso diese Aufregung? Du könntest einen Mist auf der Bühne labern.
Schüler, Lehrer, Eltern, alle stürmten rein. Es wurde immer voller im Saal. Okay, es war so weit. Die Lichter gingen aus. Es wurde still. Es konnte losgehen. Szene 1 wurde gut gemeistert. Da gab es auch keine Bedenken. Wir waren erleichtert, denn wir hatten super gutes Publikum. Benvolio, der Jordan hieß, wurde geliebt! Auch der WOW Effekt wegen Julias Erscheinen war kaum mehr aufzuhalten. Der Kracher mit dem Bühnenkuss sollte noch kommen. Überraschenderweise verlief Szene 7 grandios, wie auch der Rest des gesamten Stückes. Wir konnten so mächtig stolz auf uns sein, denn unser Theaterstück war ein voller, ein wirklich voller Erfolg. Anschließend an das Theaterstück wurden noch ein paar Worte gesagt und Lieder gesungen. Ich stand nun da unten schräg vor der Bühne mit meiner deutschen Gruppe, sah all diese wunderbaren Leute, all diese Kameras und Blitze, erinnerte mich an all die Bemühungen und Anstrengungen auf der Bühne, ja keinen schiefen Ton zu treffen, und bekam letztendlich Gänsehaut und Tränen in den Augen. Ich war emotional doch stärker bewegt, als ich hätte denken können. Diese Atmosphäre war einfach atemberaubend, die Erleichterung groß.
Am Schluss wurden noch zahlreiche Bilder geschossen und danach durften wir endlich nach Hause. Duschen und dann ab ins Bett.
Ein wirklich ereignisreicher Tag, der Donnerstag, der 13. Oktober 2011.

China – here we come!

Schüleraustausch 
Hochwald-Gymnasium Wadern – Middle School No 1 Fuzhou

Fahrt nach China vom 8. bis 25. Oktober 2009

Ankunft an der Schule

Donnerstagmorgen, langsam rollt der Zug in den verregneten Bahnhof in Türkismühle. Endlich ist es soweit, unsere Reise nach China beginnt!

Über ein halbes Jahr lang haben wir uns auf dieses Abenteuer vorbereitet. Begleitet haben uns dabei Frau Bernd und Frau Ehring. So langsam packt uns die Aufregung, was wird uns erwarten in dem fremden Land? Wie leben unsere Gastschüler, wie werden die Familien sein? Fragen über Fragen, die unsere Neugierde anheizen.

Die Türen öffnen sich, jetzt heißt es schnell die Koffer von zehn Schülerinnen, zwei Schülern und zwei Lehrerinnen in den Zug zu befördern. Zwei Stunden haben wir nun vor uns auf dem Weg nach Frankfurt. Um die Mittagszeit geht der Flieger, der uns erst nach Hong Kong bringt, von wo wir dann zu unserem Ziel Fuzhou weiterfliegen.

Die Triebwerke heulen auf, wir werden in die Sitze gepresst, als die Boing 747 der Cathay Pacific Fahrt aufnimmt. 12 Stunden Flug liegen nun vor uns, bevor wir erstmals chinesischen Boden betreten können. Während wir durch die Nacht rauschen, gleiten unter uns die Alpen, das Schwarze Meer, Kasachstan, Tibet und das Himalaya-Gebirge dahin. Leider können wir nichts sehen, da wir von der tiefen Schwärze der Nacht umgeben sind. So vertreiben wir uns die Zeit mit englischen Filmen, lesen und schlafen.

Die Türen des Busses öffneten sich und da waren sie! Lin Yangrui, Lou Yanqing, Lin Yu, Chen Qinghong, Lai Xujia, Guo Jingyu, Zhuang Ying, Lin Yukai, Zhang Huihui, Lai Xingjian, Wu Xiwen fielen uns jubelnd um den Hals. War das eine Freude! Die Fahrt vom Flughafen in Fuzhou hatte nicht lange gedauert. Dort hatten uns nach über 19 Stunden Reise die chinesischen Lehrer Mr. Wang Dong und Mr. Hu Bing in Empfang genommen. Beide hatten wir ja schon in Deutschland kennen gelernt...

Die chinesische Gruppe

Viel Zeit zum Ausruhen blieb uns nicht, da wir sofort von dem Schulleiter Mr. Li mit ein paar freundlichen Worten zu unserem Besuch in China begrüßt wurden. Anschießend führte man uns voller Stolz durch die riesige, topmodern ausgestattete Schule. Wir waren sehr beeindruckt von den Einrichtungen. Abends sahen wir dann zum ersten Mal unsere Gastfamilien, die uns ebenfalls sehr herzlich willkommen hießen. Die nächste Woche, auf die sich alle voller Neugierde freuten, würde spannend werden.

Chunesische Schriftzeichen - Nora Kleser
Stempeldruck - Michèle Gleser
Lena Hahn an einem chinesischen Instrument

6:15 Uhr, der Wecker schrillt durch die nicht mehr dunkle Nacht. Hier geht die Sonne viel früher auf als bei uns daheim und die Matratzen sind um einiges härter als bei uns. Noch müde von der langen Reise starten wir in die erste aufregende Woche.

Eine kurze Einführung in die chinesische Kultur gaben uns die chinesischen Lehrer. Alles wurde uns vorgestellt, auch speziellere Themen wie traditionelle Medizin oder das System der Sternzeichen wurden nicht ausgespart. In einer Kunststunde lernten wir auf Reispapier chinesische Lotusblüten zu malen, wir spielten ein traditionelles Saiteninstrument, tanzten einen mongolischen Tanz und lernten ein paar einfache chinesische Schriftzeichen. Außerdem sahen wir uns einige Unterrichtsstunden unserer Austauschschüler an. Bis auf die hohe Schülerzahl von ca. fünfzig Schülern pro Klasse unterschied sich der Unterricht nicht wesentlich von unserem. Mit einem kleinen Bus besichtigten wir Deutschen auch die Sehenswürdigkeiten von Fuzhou, den „West Lake“, ein wunderschöner See mit dazugehörigem Park, eine große Tempelanlage, das „Große Tor“ von Fuzhou und das Haus des in der Kaiserzeit berühmten Kämpfers gegen das Opiumproblem der chinesischen Bevölkerung: Lin Zehu.

Unsere Gastfamilien nutzten die Wochenenden, um mit uns Ausflüge zu unternehmen. Viele von uns fuhren an das nicht weit entfernte Meer oder besuchten verschiedenen Museen, unter anderem das Jadesteinmuseum der Provinz...

Mit am aufregendsten war aber das große Sportfest der Junior und Senior Middle School, an dem wir von der Ehrentribüne aus teilhaben durften. Alles begann mit der großen Einführungsparade. Ein beeindruckenden Erlebnis, wenn die fast 3500 Schüler feierlich mit tänzerisch gestalteten Elementen in das schuleigene Sportstadion einmarschieren.

Ein Thema dieser fremden Kultur, über das man so viel hört, muss hier besonders erwähnt werden: das Essen. Teilweise war es gewöhnungsbedürftiger als wir es uns vorgestellt hatten. Fuzhou befindet sich in unmittelbarer Nähe des Gelben Meeres. Ein Großteil der Nahrung besteht daher aus Meeresfrüchten und Fischen. Für uns waren die Muscheln, Tintenfische, Seegurken und anderes Meeresgetier zum Abendessen dann doch etwas fremd. Aber nachdem wir unsere erste Scheu überwunden hatten, probierten wir alles und mussten zu unserer Überraschung feststellen, dass vieles sogar sehr gut schmeckte.

Um auch den anderen chinesischen Schülern einen kleinen Einblick in das Leben der Deutschen zu ermöglichen, veranstalteten wir eine „Kulturpräsentation“, bei der viele chinesische Schüler interessiert zuhörten. Wir erzählten ihnen über das Essen, die Feste, Feiertage und Bräuche in Deutschland. Was uns selber überraschte, war das große Interesse der Chinesen für die deutsche Kultur und das Land. Neugierig und offen begegneten uns auch die Schüler/innen, mit denen wir bisher noch gar nichts zu tun gehabt hatten.

Das Interesse der Chinesen an uns war unheimlich groß. Auf dem ganzen Schulgelände war immer ein großes Hallo, wenn wir auftauchten. Die Schüler/innen  wollten Fotos mit uns machen, unsere E-Mail-Adressen aufschreiben, einige hatten sich sogar Fragen aufgeschrieben, die sie uns unbedingt stellen wollten. Zuerst konnten wir damit nicht so richtig umgehen. Aber mit der Zeit gewöhnten wir uns daran. Wenn man bedenkt, dass viele von ihnen zum ersten Mal in ihrem Leben in natura mit einem Ausländer sprachen, konnte man das Interesse sogar gut nachvollziehen. So begleitete uns auch ständig der Schulfotograph Mr. Lu, um möglichst viele Bilder von uns zu machen.

Geschenke von chinesischen Schülern

Das besondere Highlight zum Abschied unseres einwöchigen Aufenthaltes in Fuzhou war der Abschiedsabend in einem 5-Sternehotel der Stadt. Zu Beginn der Feier zeigten alle Schüler ein paar Fotos von der vergangenen Woche und erzählten von ihren Erlebnissen. Außerdem wurden eine Menge Geschenke von Deutschen für Chinesen und umgekehrt verteilt. Die Stimmung war super. Leider mussten wir uns am nächsten Tag wahrscheinlich für immer voneinander verabschieden. Die Familien hatten sich alle so fürsorglich um uns gekümmert und unsere Austauschpartner waren uns ans Herz gewachsen, so dass wir unter Tränen in den Bus zum Flughafen stiegen. Wir versprachen, in Kontakt zu bleiben, Fotos zu schicken und uns niemals zu vergessen.

Die Flughafentüren öffnen sich und da steht unsere Reiseführerin Irene mit Herrn und Frau Ludwig und Herrn Ehring, die zuvor eine Woche lang Shanghai und Umgebung besichtigt hatten und die zweite Woche nun mit uns verbrachten.

Wir sind in Peking und draußen tobt ein Herbststurm. Eine aufregende aber sichere Landung mit dem Flieger in Peking, nachdem wir knapp zwei Stunden zuvor von Fuzhou Airport aus gestartet sind. Die nächste aufregende Woche lag vor uns.

Nun hieß es Peking erkunden! Untergebracht waren wir in einem 2 Sterne-Youth Hostel, das aber mindestens ein bis zwei Sterne mehr verdient. Den Rest des ersten Tages in Peking verbrachten wir damit, auszupacken, und auf der Suche nach einem guten Restaurant durch die Stadt zu streifen. Das Essen in Peking war schon anders. Weniger Fisch und Meeresfrüchte und eher das, was man aus einem deutschen China-Restaurant kennt. Unser Hostel bot neben dem typischen warmen Nudel- und Reisgemüse auch ein europäisches Frühstück mit Croissants, Eiern, Käse und Marmelade. Für diejenigen, die Europa endgültig hinter sich gelassen hatten, bot Frau Bernd ein Frühstück in einer Garküche um die Ecke an. Das war auch sehr interessant und wurde von einigen aus der Gruppe sogar mehrmals(!) ausprobiert.

Die Zeit in Peking wurde eine lustige, spannende und wunderschöne. Wir sahen den Himmelstempel, die Kaiserlichen Akademien, die Verbotene Stadt, eine chinesische Seidenfabrik, den Panda-Zoo, den Olympiapark mit dem Vogelnest (das große Stadion), den Platz des Himmlischen Friedens und den Sommerpalast. Wir kauften ein ganzes Extrahandgepäckstück voll Souvenirs. Abends gingen wir dann immer zusammen in chinesische Restaurants, die unsere Führerin Irene und Frau Bernd zusammen ausgesucht hatten. Es war auch ein sogenanntes „Hot Pot Restaurant“ dabei, wo jeder Gast einen Topf mit kochender Brühe bekommt und sich dann selbst die fertig geschnittenen und gewürzten Fleisch- und Gemüsestücke, Nudeln und Fisch kochen konnte. Eine ähnliche Idee hatten die Besitzer des koreanisch-japanischen Designer-Restaurants „Kagen“, in dem man alles selbst grillen konnte. Auch eine Rikscha-Fahrt durch einen Hutong, ein Altstadtviertel von Peking, machten wir mit.

Rikschafahrt in Beijing - Teresa Nickolaus und Elena Stedem

Ein besonderes Erlebnis war für jeden ein Ausflug zur Chinesischen Mauer. Dort verbrachten wir einen halben Tag. Nach zwei Stunden Fahrt in dem Bus, den wir drei Tage lang für uns hatten, sahen wir die Seilbahn, die uns ohne große Anstrengung hoch zur Mauer schaukeln sollte. Dort oben wurde zunächst die Aussicht genossen, und nach einigen Gruppenfotos hatten wir zwei Stunden Zeit, etwas spazieren zu gehen oder uns zu sonnen, Fotos zu machen und auszuruhen. Am Nachmittag ging es dann wieder zurück. Die nächsten Tage verliefen dann ohne eigenen Bus, wir fuhren mit der U-Bahn und Linienbussen, die mit 20, bzw. 10 Cent pro Fahrt sehr preiswert waren. Trotzdem waren wir alle abends erschöpft, nach so vielen Kilometern zu Fuß jeden Tag. Es war ein großer Vorteil, eine eigene Führerin zu haben, die die Ausflüge organisierte. So ergaben sich weder Sprachschwierigkeiten noch kulturell bedingte Missverständnisse und außerdem konnte man jederzeit Fragen stellen.

Am letzten Abend erlebten wir außer dem Abendessen in unserem Lieblingsrestaurant noch einen kulinarischen Höhepunkt: Herr Ehring, der Mann unserer Lehrerin, hatte auf dem Markt in der Innenstadt einen Spieß gerösteter Seidenraupenlarven gekauft. Obwohl viele von uns gerne probiert hätten, reichte es nur für vier, aber auch das Beobachten der Gesichtsausdrücke bot genug Spaß und Ekel.

Leider war nun diese aufregende Reise zu Ende und der letzte Abend verging mit Kofferpacken, Schwatzen, Lachen und Vorfreude auf zu Hause. Aber am nächsten Morgen waren doch alle traurig, jetzt wieder ins Flugzeug steigen zu müssen und Irene und dieses abenteuerliche Land zurückzulassen.

Da alle erschöpft waren, verliefen die Flüge von Peking nach Hong Kong und von dort nach Frankfurt ruhig. Am Bahnhof in Türkismühle wurden dann alle von ihren Familien in Empfang genommen, ein letztes Gruppenfoto geschossen und dann trennten wir uns.

Eine unvergleichliche Reise in eine uns jetzt nicht mehr fremde Kultur war zu Ende gegangen und wir alle sind um viele wertvolle und interessante Erfahrungen reicher geworden. Durch die Woche in den Familien wurden uns nicht nur die Sehenswürdigkeiten dieses wunderschönen Landes, sondern auch das alltägliche Leben, die Gebräuche und Sitten und die Einstellung dieser Menschen näher gebracht.

Was für ein Land! So unermesslich groß, so viele verschiedene Jahrtausend alte Kulturen und so moderne, offene und neugierige Menschen. Wir sind froh, diese Reise gemacht zu haben. Das Reich der Mitte sehen wir nun mit anderen Augen. Das Land und seine Menschen hat uns sehr positiv überrascht und den herzlichen Empfang und die fürsorgliche Gastfreundschaft werden wir bestimmt nie vergessen.

Marie-Christine Ludwig, Klasse 10 a

   
   

Entenhälse und Hühnerfüße


Schüleraustausch des Hochwald-Gymnasiums Wadern mit China, 2008

von Svenja Schmidt, Stella Arnas und Meike Lehnen

Noch vor kurzer Zeit hätten wir uns niemals vorstellen können, Hühnerfüße zu essen. Doch seitdem wir zu Besuch in China gewesen sind, gehören noch weit exotischere Nahrungsmittel zu unserem Repertoire: Meeresgetier aller Arten (einschließlich Seegurken und Quallen), Entenhälse, Schweinefüße und Hühnermägen. Es versteht sich von selbst, dass wir all das und noch viel mehr perfekt mit Stäbchen zum Mund führen können!
Im August dieses Jahres hatten uns 14 chinesische Schüler/innen und zwei begleitende Lehrerinnen aus der südchinesischen 6 Millionen Stadt Fuzhou an der Ostküste, der Insel Taiwan gegenüber gelegen, besucht. Wir bemühten uns, sie in einer abwechslungsreichen Woche mit dem deutschen Schul- und Familienalltag vertraut zu machen, bevor sie zu einer 7-tägigen Deutschlandreise in 12 Städte aufbrachen.


Während der Herbstferien waren wir endlich an der Reihe, unsere chinesischen Freunde im goldenen Reich der Mitte zu besuchen. Die 17-tägige Reise, der wir aufgeregt entgegen gefiebert hatten, sollte unsere kühnsten Erwartungen übersteigen.

Am 9. Oktober ging es in Begleitung der HWG-Lehrerinnen Beate Bernd und Birgit Schommer von Türkismühle über Frankfurt und Hongkong nach Fuzhou, wo wir nach über 24 Stunden in angenehme 27 Grad Celsius und mit überwältigender Herzlichkeit in Empfang genommen wurden. Vor dem neuen Campus der Fuzhou Middle School No. 1 schwebte ein mit Luft gefüllter roter Schlauch, der auf Deutsch die “Freunde aus Deutschland” willkommen hieß. Als wir abends um halb sechs von den Eltern unserer Austauschpartner abgeholt wurden, fielen wir nach 31 schlaflosen Stunden und mittlerweile 7 Mahlzeiten erschöpft in unsere Betten.

Das Wochenende in den Familien wurde sehr bunt gestaltet: Besuch von buddhistischen Tempeln, Parks oder des Pandazoos, ein Picknick mit Bootsfahrt am Westsee, Karaoke Singen, Shopping oder eine Fahrt in die wunderschönen Küstenstadt Xiamen mit Besichtigung der Insel Gulangyu.

Montags bekamen wir erste erstaunliche Einblicke in den chinesischen Schulalltag. Es begann mit dem feierlichen Absingen der chinesischen Nationalhymne und Hissen der Flagge. Die insgesamt 4000 Schüler zählende renommierte Schule ist bestens ausgestattet: Alle Klassen verfügen über Beamer und Laptop, es gibt verschiedene Bibliotheken, zahlreiche Computerräume und sogar ein Observatorium. Manche Lehrer unterrichten mit Mikrofon, um stimmlich zu den bis 60 Schülern in einer Klasse durchzudringen. Die chinesischen Schüler werden sehr gefordert und müssen auch am Abend noch stundenlang Hausaufgaben machen. Aber es gibt Ausgleich: Nach der zweiten Schulstunde verlassen alle den Unterricht, um auf dem Schulhof Gymnastik zu machen. Nach dem Mittagessen wird von 12.30 Uhr bis 14 Uhr Siesta gehalten. Um 15 Uhr werden über Lautsprecher in alle Klassen Anweisungen für Augenübungen durchgesagt. Die Parade zu Beginn des Sportfests am Donnerstag, für die im Vorfeld heftig geprobt wurde, wirkte auf uns wie kleine olympische Spiele, live von der Ehrentribüne aus gesehen.


Wir absolvierten an der Schule ein umfangreiches Programm: Wir hörten Vorträge über chinesische Kunst, Kalligraphie und chinesische Musik, erhielten Unterricht in chinesischem Tanz, Kung Fu, Tai Chi und Scherenschnitt und lernten zwei chinesische Lieder. Wir machten eine Rundfahrt durch die 30.000 Studenten zählende Universität, erlebten eine Teezeremonie am Westsee, kamen in den außergewöhnlichen Genuss einer Schifffahrt auf einem Militärschiff und besuchten einige Museen. Jede unserer Bewegungen wurde von Herrn Lu, dem Schulfotografen, dokumentiert, der sich uns die ganze Woche über unermüdlich an die Fersen heftete. Aber nicht nur in der Schule bekamen wir Sonderbehandlung. Da nach Fuzhou noch nicht so viele westliche Touristen reisen, fühlten wir uns anfangs ständig beobachtet. Überall wurden wir neugierig beäugt, tausendfach fotografiert und sogar interviewt. Bei einem Besuch bei jüngeren Schülern auf einem anderen Campus wurden wir geradezu wie Pop Stars empfangen.

Auch wenn uns Dinge wie der sehr chaotische Verkehr, die strenge Überwachung vor wohlhabenden Wohngebieten und in der Schule und die etwas gewöhnungsbedürftigen Esssitten manchmal befremdlich erschienen, waren die faszinierenden Erfahrungen, vor allem die Gastfreundlichkeit der Familien, so umwerfend, dass beim Abschied am Bahnhof kein Auge trocken blieb.

In der zweiten Woche unseres Aufenthaltes fuhren wir entlang der chinesischen Ostküste nach Hangzhou mit seinem berühmten Westsee. Danach besuchten wir Suzhou und Tongli mit seinen vielen Kanälen „Venedig des Ostens“ genannt, und erreichten schließlich die 19 Millionenstadt Shanghai. Nach endlosen Staus im Lichtermeer hunderter Wolkenkratzer  war „Shanghai by night“ vom 88. Stock des Jin Mao Towers ein atemberaubendes Erlebnis. Der Besuch einer Seidenspinnerei, Teeplantage, Akrobatik Show sowie zahlreicher Jahrhunderte alter chinesischer Gärten waren nur einige Punkte unseres Sightseeingprogramms. Ein Highlight am Ende war noch die Fahrt zum Flughafen mit dem Transrapid.

Obwohl die besuchten Orte landschaftlich reizvoll und architektonisch beeindruckend waren, hatte die Woche in den Gastfamilien doch einen größeren Eindruck auf uns gemacht.Auch wenn China sehr kritisch in Deutschland beäugt wird, sollte man versuchen, einen Unterschied zwischen der chinesischen Regierungspolitik und den Menschen selbst zu machen. Uns jedenfalls hat die Freundlichkeit und Offenheit der Menschen, die wir kennen gelernt haben, sehr berührt. Und wir können jedem empfehlen, sich einen eigenen Eindruck vom chinesischen Alltag zu verschaffen.