Ein Fall für die Profis

Schüler helfen Schülern bei Konflikten untereinander

Andreas geht in die siebte Klasse des HWG und hat ein Problem. Sein bester Freund Thomas ist in der letzten Pause total ausgeflippt. Er hat ihn geschubst und als „treulose Tomate“ beschimpft. Ein Klassenkamerad hat die beiden getrennt und ihnen empfohlen, zu den Konfliktvermittlern zu gehen. Da sitzen die beiden jetzt im Raum 613 – dem Zimmer der Konfliktvermittler am HWG – und vereinbaren mit den beiden dort Diensthabenden einen Termin. Der wird am Donnerstag in der vierten Stunde stattfinden, weil keiner der Beteiligten dann eine Klassenarbeit schreibt.

Team der Konfliktvermittler

Mit Beginn dieses Schuljahres haben 16 Schüler und Schülerinnen der siebten und achten Klasse ihren Dienst als Konfliktvermittler am HWG aufgenommen. Sie wurden ein Jahr lang für diese verantwortungsvolle Tätigkeit ausgebildet. In der ersten Woche des Schuljahres wurden sie nun in der Aula vom Schulleiter Herrn Wagner offiziell ernannt. Sie erhielten dabei eine Urkunde und ein kleines Abzeichen, das sie im Schulalltag als Konfliktvermittler erkennbar macht. Seitdem ist in den großen Pausen immer ein Zweierteam im Raum 613 anzutreffen.

Als die beiden Streithähne Thomas und Andreas zum vereinbarten Termin erscheinen, werden ihnen von den Konfliktvermittlern die wichtigsten Regeln erläutert:

Erstens: Das Vermittlungsverfahren ist keine Gerichtsverhandlung. Es geht nicht darum, jemanden zu verurteilen, sondern gemeinsam eine Lösung zu finden. Zweitens: Die Vermittler verhalten sich absolut neutral. Drittens: Alles Gesagte wird streng vertraulich behandelt. Viertens: Jede und jeder darf ausreden.

Nachdem beide mit den Regeln einverstanden sind, beginnt die erste Phase des Gesprächs, in dem Thomas und Andreas nacheinander in Ruhe den Konflikt schildern können. Was sie sagen, wird von den Konfliktvermittlern zusammengefasst und noch einmal wiederholt. So wird sichergestellt, dass alles richtig verstanden wurde. Dabei wird klar, was der Auseinandersetzung auf dem Schulhof vorausging: Thomas wollte sich mit Andreas für den Nachmittag verabreden. Andreas war aber schon verabredet – mit einer Schülerin, die neu in die Klasse gekommen ist.

Damit ist der Fall für die Konfliktvermittler aber noch nicht geklärt. Sie wissen, dass Konflikte oft tiefer liegende Ursachen haben. Sie leiten das Vermittlungsgespräch bewusst in eine zweite Phase über, in der die hinter dem Konflikt liegenden Bedürfnisse und Gefühle zur Sprache kommen können. Dabei stellt sich heraus, dass Thomas und Andreas seit langem die besten Freunde sind und immer viel gemeinsam unternommen haben. In letzter Zeit verabredet sich Andreas häufiger mit der neuen Klassenkameradin. Thomas fühlt sich dadurch zurückgesetzt und wünscht sich die Zeit zurück, in der beide fast jeden Tag gemeinsam etwas unternommen haben.

Nachdem auch die verdeckten Gründe für den Konflikt ausgesprochen sind, finden die beiden mit Unterstützung der Konfliktvermittler selbst eine Lösung. Nicht die Konfliktvermittler schlagen ihnen eine Lösung vor, sondern Thomas und Andreas haben selbst Ideen entwickelt, wie sie sich eine Lösung vorstellen könnten. Thomas hat vorgeschlagen, dass sie immer dienstags und donnerstags etwas gemeinsam unternehmen. Andreas fand das grundsätzlich eine gute Idee, ihm passen aber zwei andere Wochentage besser. Am Ende steht eine Vereinbarung mit der beide einverstanden sind, und bei der beide das Gefühl haben, dass sie etwas gewonnen haben: das Gefühl, ihre Freundschaft zu bewahren und dennoch den Freiraum für andere Kontakte zu haben. Jetzt hat Andreas kein Problem mehr.

Natürlich sind Thomas und Andreas dem Autor dieses Artikels nicht persönlich bekannt. Aber ihre Situation und ihr Verhalten sind exemplarisch. Deshalb werden die beiden im Rahmen der Ausbildung der Konfliktvermittler in Form eines Rollenspiels lebendig. Und dann könnte das Vermittlungsgespräch mit zwei echten Konfliktvermittlern des HWG den beschriebenen Verlauf nehmen.

Über Nachwuchssorgen können die Konfliktvermittler nicht klagen. Auch in diesem Jahr haben sich wieder 16 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe sechs dazu entschlossen, sich zu Konfliktvermittlern ausbilden zu lassen. Die Ausbildung begann mit einer zweitägigen Kompaktveranstaltung, die wie im letzten Jahr in der Jugendherberge in Tholey stattfand. Eine Referentin des Jugend Rotkreuz brachte den Schülerinnen und die Schülern an einem Freitag und einem Samstag die Grundlagen der Konfliktvermittlung nahe. Die Ausbildung ist damit aber nicht abgeschlossen. Sie wird im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft fortgesetzt, die alle 14 Tage stattfindet. Ein wichtiges Mittel der Ausbildung ist das schon erwähnte Rollenspiel. Hier lernen die zukünftigen Konfliktvermittler das Vermittlungsgespräch anhand einer klaren Struktur zu leiten.

Seit einem Jahr arbeiten wir zu dritt – Katja Kwasniewski als AG-Betreuerin, Marcel Thome als Schoolworker und Alexander Titz als Vertrauenslehrer – daran, die Konfliktvermittlung als Methode am HWG zu etablieren. Diese Methode wird inzwischen an vielen Schulen erfolgreich angewendet. Sie kann aber erst zu einer spürbaren Verbesserung des Schulklimas beitragen, wenn sie auch genutzt wird – und das bereits bei so genannten „kleineren“ Konflikten.

Alexander Titz