GANZTAGSKLASSE AM HWG: EIN NEUES SCHULKONZEPT MIT ZUKUNFT?
„Eine `gebundene` Ganztagsschule bietet bis in den Nachmittag eine täglich feste Schulzeit, die obligatorisch für alle Schüler/innen der Schule gilt.(...)
Die Verknüpfung der einzelnen unterrichtlichen und außerunterrichtlichen Elemente findet häufig ihre Entsprechung in einer flexiblen Tagesrhythmisierung im Rahmen eines Wochenstrukturplans mit der Bildung größerer Zeitblöcke (z.B. 90 Minuten), unterbrochen von langen Spielpausen (...)
Der Schultag kann anders zeitlich organisiert und lern- und kindgerecht rhythmisiert werden – losgelöst vom starren Stundentakt, im Wechsel von Anspannung und Entspannung, Ruhe und Bewegung, Lernarbeit und Spiel.(...)
"Alle Zitate aus: Höhmann, Holtappels, et al., Entwicklung und Organisation von Ganztagsschulen, Dortmund 2005, Institut für Schulentwicklungsforschung
Ganztagsklassen an Gymnasien sind zwar eine Forderung unserer Zeit, gelten aber noch als „pädagogisches Neuland“. Umso positiver ist zu bewerten, dass die Gesamtkonferenz des Hochwald-Gymnasiums bereits 2008 beschloss, die Einrichtung einer Ganztagsklasse an unserer Schule zu prüfen. Die Steuerungsgruppe „Selbständige Schule“ wurde von der Gesamtkonferenz mit der Konzeptentwicklung beauftragt, dann wurde ein Jahr lang am Konzept der Ganztagsklasse gearbeitet und „gefeilt“. Entscheidende Impulse kamen dabei von den Mitgliedern der Steuerungsgruppe. Nach Genehmigung des Konzepts durch die Gesamtkonferenz konnte mit Beginn des Schuljahres 2009/2010 die erste Ganztagsklasse am Hochwald-Gymnasium eingerichtet und eröffnet werden.
Die Pädagogischen Leitlinien der Ganztagsklasse ordnen sich entsprechend den pädagogischen Leitlinien, die für alle Klassen des HWG gelten- in das Leitbild der Schule ein. Sie sind aber erweiternd abgestimmt auf die speziellen Bedürfnisse und Möglichkeiten einer Ganztagsklasse. Spezielle Bedürfnisse bestehen in einer Ganztagsklasse im Bereich Lernkultur und Sozialkultur, besondere Möglichkeiten ergeben sich in einer Ganztagsklasse bei den Themen „individuelle Lernförderung“ und „Lernchancengerechtigkeit“. Die Lernkultur einer Ganztagsklasse fördert in besonderem Maße das Selbständig organisierte Lernen (SOL) sowie das Wechselseitige Lehren und Lernen (WELL). Dadurch, dass mit Andrea Zimmermann (Deutsch) und Johannes Kleer (Mathematik) zwei SOL-Multiplikatoren die Leitung der neuen Klasse übernommen haben, können diese Lernschwerpunkte in besonderer Weise berücksichtigt werden. Den Schülern werden erweiterte Lerngelegenheiten in Arbeitszeiten und Projekten angeboten. Dies ermöglicht die individuelle Lernförderung und fördert die Lernchancengerechtigkeit.
In ihrer Arbeitszeit – mindestens acht Stunden pro Woche - werden die Schüler von einem der in der Klasse unterrichtenden Lehrer sowie einem Sozialpädagogen betreut, sie können hier bei der Erledigung ihrer Schulaufgaben („Hausaufgaben“ im herkömmlichen Sinne gibt es in der Ganztagsklasse nicht mehr) individuell gefördert werden. Als Beispiel eines Projektes: die Schüler bauen im Rahmen einer Zukunftswerkstatt ein Modell zur Schulhofgestaltung, das dann zusammen mit dem Landratsamt als Schulträger im nächsten Jahr umgesetzt werden soll. Hierzu wird mit außerschulischen Partnern, z.B. der Serviceagentur „Ganztägig lernen“, kooperiert. Solche Projekte dienen auch der Öffnung der Schule zu Lebenswelt und Schulumfeld und geben den Schülern die Möglichkeit zu praktischem Arbeiten.
Im Bereich der Sozialkultur bestimmen Partizipation und Demokratieerziehung mit dem Anspruch der Mitgestaltung und Mitbestimmung das Schulbild. Im wöchentlich stattfindenden Klassenrat können die Kinder ihr Sozialverhalten reflektieren, gemeinsam beraten und bei Problemen Lösungsvorschläge entwickeln. Dies dient der Förderung der Gemeinschaft und des sozialen Lernens. Verstärkt wird dieser Ansatz durch das „Lions Quest“- Programm des Saarlandes. Ein wichtiger Aspekt ist die Gesundheitsförderung. Durch die feste Bewegungszeit, die über den Sportunterricht hinaus jeden Tag angeboten wird, haben die Schüler die Chance, spielerisch und leistungsfrei den Spaß an der Bewegung zu entdecken. Das gemeinsame Mittagessen mit frischen Zutaten und viel Gemüse und Salat ist ebenfalls ein fester Bestandteil des Programms zur Gesundheitsförderung. Aufgegriffen wird das Thema Gesundheitsförderung auch in Projekten der Bereiche Bewegung, Entspannung und Ernährung.
Das Unterrichten in einer Ganztagsklasse verlangt von den Lehrern den souveränen Umgang mit unterschiedlichen Unterrichtsformen, belohnt aber durch ein hohes Maß an Freiheit in der Unterrichtsgestaltung, da das ansonsten doch recht starre Tageskonzept eines Schultages durch Rhythmisierung und Epochalisierung aufgebrochen werden kann. Schüler in einer Ganztagsklasse müssen akzeptieren, dass ihr Schultag länger ist als bei ihren Altersgenossen. Er endet an drei Tagen um 16.30 Uhr, an zwei Tagen um 15.00 Uhr. Dieser lange Schultag wird zwar entschärft durch Rhythmisierung und Epochalisierung der Schulfächer -es werden nicht mehr als drei Fächer pro Tag unterrichtet-, dennoch kann die lange Unterrichtszeit von den Schülern als belastend empfunden werden. Entschädigt werden die Schüler dadurch, dass die „Hausaufgaben“ in den „Arbeitszeiten“ erledigt werden. Sie haben also in der Regel wirklich schulfrei, wenn sie nach Hause kommen. Das kann, vor allem in Zeiten von G8, das Familienleben stark entlasten und den „Familienfrieden“ fördern. Da die Arbeitszeiten von Lehrern betreut werden, die auch in der Klasse unterrichten, haben die Schüler die Chance, das im Unterricht Erarbeitete nachzufragen und vertiefend nachzuarbeiten. Diese zusätzliche Fördermöglichkeit wird von vielen Schülern als positiv erlebt. Über die Arbeitsgemeinschaften und Projekte können Schüler neue Erfahrungen machen, aber auch ihre Hobbys pflegen; so sind z.B. auch Sportvereine vor Ort in die Gestaltung von Arbeitsgemeinschaften eingebunden. Wichtig für die Eltern ist die Verlässlichkeit des Betreuungsangebotes, vor allem für die Berufstätigen.
Das neue Format „Ganztagsklasse“ ist trotz anfänglicher Schwierigkeiten, z.B. mit den Busverbindungen, gut angelaufen. Eine erste diesbezügliche Befragung ergab überwiegend positive Bewertungen der Eltern. Dennoch wird weiter an der erfolgreichen Umsetzung des Konzepts zu arbeiten sein. Hilfe erhält das Hochwald-Gymnasium dabei von der „Deutschen Kinder- und Jugendstiftung“, die Team und Konzept der Ganztagsklasse des Hochwald-Gymnasiums für ein Jahr lang in das Modellprojekt „Labor Lernkultur“ aufgenommen hat und gezielt fördert.
In der Ganztagsklasse ist – trotz aller Verschiedenheit der Schüler- recht schnell eine Schulfamilie entstanden, in der sich die Kinder wohl fühlen. Dies zeigt auch der Kommentar einer Schülerin im Klassenrat: „Das ist hier wie in der Ferienfreizeit, nur dass es Schule ist!“ Ja, wenn Schule so schön sein kann.....
Andrea Zimmermann
