«Accueilli, entouré, fêté!»

40 Jahre Schulpartnerschaft Wadern – Montmorillon

von Karl-Peter Scholl, Lehrer für Englisch und Französisch am HWG seit 1980

Um den am 22. Januar 1963 geschlossenen Deutsch-Französischen Freundschaftsvertrag mit Leben zu erfüllen, entstanden in der Folgezeit eine Vielzahl von Städte- und Schulpartnerschaften. Als dem Kollegium des Hochwald-Gymnasiums zu Beginn des Jahres 1967 ein Dreiervorschlag unterbreitet wurde, entschied man sich trotz der großen Entfernung für Montmorillon, da diese Stadt in der reizvollen und an Kulturdenkmälern reichen Landschaft des Poitou gelegen ist und in ihrer Struktur Wadern ähnelt.

Eglise Notre-Dame in Monmorillon

Vom 8. bis 16. Juni 1967 weilten erstmals 22 französische Schülerinnen und Schüler des Lycée Nationalisé Mixte – heute Collège- Lycée Jean Moulin - in Wadern. Die Gruppe wurde angeführt von M. Bolinches, dem damaligen Direktor der Schule und Mme George. Schulrat Gert Cresto und Studienassessor Erich Schneider betreuten die französischen Gäste und organisierten ein abwechslungsreiches und interessantes Kulturprogramm, wofür sich M. Bolinches nach seiner Rückkehr in einem Brief herzlich bedankte: « Notre groupe a été accueilli, entouré, fêté. Le séjour a été empreint de cordialité, de sympathie avec une volonté et un désir profond de la part des familles, professeurs, élèves allemands de nouer des liens étroits avec le groupe français de son école.» [1]
Während dieses Aufenthaltes wurde auch der Grundstein zur Partnerschaft der beiden Kommunen gelegt, die bereits im folgenden Jahr feierlich besiegelt wurde.

 

Vom 11. bis 26. Oktober 1968 begab sich die erste Waderner Schülergruppe auf den über 700 Kilometer langen Weg ins Département Vienne: 17 Mädchen und 9 Jungs, begleitet von Frau Ute Killmer und Herrn Erich Schneider.

Eine Reise ins Ausland ist heutzutage für Jugendliche nichts Außergewöhnliches mehr. Liest man jedoch die Reiseberichte dieser Pioniergruppe, so wird einem bewusst, dass es sich für diese jungen Menschen sehr wohl um etwas Besonderes, gleichsam um eine Entdeckungsreise handelte. Mit wachem Blick beobachtete man, stellte Vergleiche an und studierte das noch wenig Bekannte. Der Aufbau der Schülermitverwaltung am Lycée Nationalisé Mixte, das Alltagsleben und die Bevölkerungsstruktur Montmorillons, die prähistorischen Funde im Bereich der Stadt, die Landwirtschaft und Arbeitswelt sind ebenso Gegenstand der von Schülern z.T. in französischer Sprache angefertigten Berichte wie Baugeschichte und Architektur der Kathedrale von Troyes oder der Schlösser der Loire. Mit Fug und Recht lässt sich behaupten, dass sich nie eine Waderner Schülergruppe intensiver auf ihre Reise vorbereitet und den Aufenthalt besser dokumentiert hat.

Das Lycée et Collège Jean Moulin in Montmorillon

Durch diesen ersten Austausch war die Partnerschaft auf einen guten Weg gebracht. Dass sie jedoch eine solche Erfolgsstory werden sollte, ließ sich damals noch nicht vorhersehen. Die Partnerschaft zwischen dem Collège-Lycée Jean Moulin und dem Hochwald-Gymnasium besteht nunmehr seit 40 Jahren. In dieser Zeit sind die Austauschmaßnahmen ohne Unterbrechung durchgeführt worden. Hin- und Rückbesuch finden im selben Schuljahr statt.

Mit dieser Bilanz nimmt unsere Schule einen Spitzenplatz nicht nur im Saarland ein. Dies bezeugt eine Sendung des Saarländischen Rundfunks. Aus Anlass des 20. Jahrestages der Unterzeichnung des Deutsch-Französischen Vertrages suchte der Sender eine Schule, die eine Partnerschaft mit einer französischen Schule unterhielt, um zu sehen wie Völkerverständigung in der Praxis funktioniert. Der Sender wurde vom Deutsch-Französischen Jugendwerk an das Hochwald-Gymnasium verwiesen, und so begleitete der Journalist Willi Ney im Herbst 1982 die Waderner Schülergruppe nach Montmorillon und stellte die Ergebnisse seiner Recherche am Sonntag, dem 9. Januar 1983 in der Sendung „Reporter vor Ort“ in der Zeit von 10.05 bis 11.00 Uhr auf SR2 Studiowelle vor. Titel der Sendung: „Intakte Schulpartnerschaft“.

In jedem Schuljahr begibt sich eine Schülergruppe in die jeweilige Partnerstadt, nimmt am Unterricht teil, lernt durch Exkursionen und Wanderungen die nähere und fernere Umgebung kennen. Mittlerweile kennen französische Schüler Trier und die Rheinburgen besser als manche ihrer deutschen Altersgenossen. Auch Eisenach, Weimar, Erfurt, Bayreuth und Würzburg waren bereits Reiseziele der Schüler aus Montmorillon, und einigen Waderner Schülern sind La Rochelle und Poitiers vertrauter als etwa Kiel oder Hamburg.

Die Unterbringung in Familien ist eine ganz wesentliche Komponente des Austauschs und das Geheimnis seines Erfolges. Sie ermöglicht eine Verbesserung der Sprachkenntnisse, Freundschaften  und das Kennenlernen der Lebensart des Nachbarlandes. Obwohl sowohl in Frankreich als auch in Deutschland Englisch von den meisten Schülern als die wichtigere Fremdsprache erachtet wird, erfreut sich der Austausch immer noch großer Beliebtheit, wenn auch in den vergangenen 10 Jahren die frühere Gruppenstärke von 30 nicht mehr erreicht wurde. Das Interesse der Waderner Schüler war wohl nie größer als 1992, als sich 76 Schülerinnen und Schüler schriftlich um die Teilnahme am Austausch bewarben. Leider konnten aus organisatorischen Gründen nur 30 mitfahren.

In den verflossenen 40 Jahren hat die Schulpartnerschaft etwa 1000 Schülerinnen und Schülern des Hochwaldraums und der gleichen Anzahl junger Menschen aus Montmorillon erlaubt, Menschen der Partnerstadt zu begegnen. Sie stellt somit für Jugendliche eine vortreffliche Möglichkeit dar, freundschaftliche Beziehungen über Grenzen hinweg zu pflegen. Dies ist für den Einzelnen verbunden mit einem Zugewinn an Toleranz und Aufgeschlossenheit der anderen Kultur gegenüber. In diesem Sinne leisten Austauschmaßnahmen einen wesentlichen Beitrag zu dem heute so wichtigen interkulturellen Lernen. Ein besonderer Dank gilt deshalb den zahlreichen Lehrerinnen und Lehrern auf beiden Seiten, die Schülern diese Form des Lernens außerhalb der Mauern des eigenen Klassenraums ermöglicht haben bzw. ermöglichen. An erster Stelle ist hier der französische Deutschlehrer Jean-Michel Léger zu nennen, der zwischen 1969 und 1992 so oft wie niemand sonst den Austausch organisierte und begleitete. Seine verständnisvolle, ausgeglichene, väterliche Art im Umgang mit Schülern sowie sein tolerantes und kooperatives Wesen trugen entscheidend zum Erfolg und der Langlebigkeit des Austauschs Montmorillon – Wadern bei. In den 80er Jahren wurde er unterstützt durch seine Kolleginnen Danielle Forestier (später Duval) und Marie-Hélène Vergnault, die auch noch Anfang der 90er Jahre den Austausch begleitete. Mitte der 90er Jahre führte Mme Poncin 2 Austauschmaßnahmen durch. Seit 1997 trägt Mme Annick Vezien auf französischer Seite die Verantwortung für die Schulpartnerschaft. Seit 2006 wird sie unterstützt durch M. Teddy Braz, der ebenfalls das Fach Deutsch unterrichtet.

Lobenswert hervorzuheben ist auch das Engagement der französischen Kollegen Francis Fournier – er nahm bereits als Schüler am Austausch teil – Bernard Garnier, Michel Bon und Jean-Yves Corson, die, obwohl keine Deutschlehrer, mehrfach französische Gruppen nach Wadern begleiteten.

Als „Gründerväter“ auf deutscher Seite sind Herr Cresto und Herr Schneider zu nennen. Sie fanden bald Unterstützung in Herrn Egbert Mieth. 1975 fuhren Frau Marita Neis und Herr Werner Palm zum ersten Mal nach Montmorillon. Viele weitere Male sollten folgen. Neben ihnen betreuten in den 80er- und 90er Jahren Matthias Wolbers, Josef Schmitt, Karl-Peter Scholl, Martin Fellinger und Peter Keller als Französischlehrer den Austausch. Unterstützt wurden sie in vorbildlicher Weise durch Herrn Walter Herrmann, der 12mal nicht nur Schülergruppen nach Montmorillon begleitete, sondern auch den Austausch in Wadern maßgeblich organisierte und den französischen Kollegen sein Auto jeweils für die Dauer des Aufenthaltes uneigennützig zur Verfügung stellte. Auch Herr Wolfgang Wiesen beteiligte sich als Nichtfranzösischlehrer am Austausch.

In den Schuljahren 1998/99 bis 2001/02 war Frau Eva Stolz auf Waderner Seite federführend, von 2002/03 bis 2005/06 Herr Dr. Ronald Meyer und ab Schuljahr 2006/07 ist Frau Beate Klein mit dieser Aufgabe betraut. Unterstützung erhielten diese drei KollegInnen von Frau Elke Scholl und Herrn Helmut Turner. Zur Zeit wird der Austausch von Frau Marz-Belouet und Herrn Keller organisiert.

Die Mühen der Lehrerinnen und Lehrer auf beiden Seiten haben sich gelohnt. Wie man aus zahlreichen Berichten ersehen kann, ist ihre Arbeit auf fruchtbaren Boden gefallen. Der Eindruck vom jeweiligen Gastland ist im Laufe der 40 Jahre stets überwiegend positiv gewesen. So heißt es in einem Reisebericht der Waderner Schülergruppe von 1975: „Damit es uns nicht zu langweilig wurde, bot uns Montmorillon ein abwechslungsreiches Programm: eine Fahrt zur Ile de Ré und La Rochelle, wo wir eine Wattwanderung am Atlantikstrand machten und eine große Karte an das Lehrerteam unserer Schule sandten. Für viele von uns war diese Fahrt ans Meer das eindrucksvollste Erlebnis unseres Aufenthaltes. Dieser Ausflug wie der zweite nach Amboise wurden durch Diavorträge vorbereitet.... Außerdem veranstalteten unsere Gastgeber eine Merguez-Party und eine Surprise-Party, wo auch Herr Palm mit deutschen und französischen Mädchen das Tanzbein schwang. Frau Neis zog es allerdings vor, währenddessen ihre allgemein beliebten Diskussionen zu führen, die übrigens viel Anklang bei uns fanden.“ (vgl. „Mitteilungsblatt des Schulvereins Hochwaldgymnasium e.V. Wadern“ vom Dezember 1975)

Fast immer wird die Gastfreundschaft der aufnehmenden Familien gelobt. Stellvertretend sei hier Matthias Zimmermann zitiert, der 1988 am Schüleraustausch teilnahm: „Vollends begeistert war ich von der französischen Lebensart und der Region. Ich wohnte auf dem Hof der Familie Cochin, etwas abgelegen von Montmorillon mitten im Grünen, wo sie eine Fromagerie (Käserei) betreibt. Dank an sie für ihre entgegengebrachte Gastfreundschaft.“

Matthieu Cochin besuchte auch mich in Wadern. Die privaten Eindrücke und in erster Linie die Freundschaft ließen mich nochmals mit deutschen Freunden nach Montmorillon fahren. Der Kontakt besteht heute noch. Jedem der noch nicht in Montmorillon war, möchte ich ans Herz legen, sich einmal selbst ein Bild bei unseren französischen Partnern zu machen. Der Besuch lohnt sich.“ (vgl. „Wadern-Noswendel – Montmorillon 25 Jahre“)

Auch unter Lehrern hat der Austausch zu oft lebenslangen Freundschaften geführt, wie ein Beitrag von Egbert Mieth für die o.g. Schrift anlässlich des 25jährigen Bestehens der Städtepartnerschaft 1993 beweist: „ Es war bei der letzten Partnerschaftsfeier in Wadern im HWG. Es war irgendeine Veranstaltung in der Aula. Meine Frau und ich kamen etwas zu spät, und ich suchte einen Platz. Ich ging nach vorne. Und da schrie einer „Egbär“ (versteht sich, er meinte mich), riss die Arme hoch und nahm mich vor allem Publikum herzhaft in die Arme. Es fiel mir damals schwer, das zu erwidern. Dann aber hatte ich meine Hemmungen verloren. Sollten sie doch gucken....Nach so etwa 15 Jahren war das möglich. Und es rührt mich noch heute. Da hatte einer nicht geographische Grenzen und Zollstationen weggewünscht, sondern er hatte sie in seinem Herzen weggeräumt. Und dass ich der Mitmensch war, danke PIERRE.“

Und wenn es noch eines letzten, aktuellen Belegs bedarf, seien die HWG Schülerinnen Julia Hahn und Kathrin Brücker zitiert, die in der letzten Ausgabe der Schulzeitung ihre Bewertung des Austauschs in folgenden Worten darlegten: «Deux fois nous avons travaillé sur un projet presse, et une fois nous avons eu une réception à la mairie. Au cours de ce voyage, les élèves ont pu constater les différences entre les deux pays, telles que le style vestimentaire, le système scolaire, les goûts alimentaires. Mais il y a beaucoup de similitudes. En résumé, on peut dire que le séjour à Montmorillon était très instructif et l’échange était une bonne expérience pour nous. On pouvait voir comment les Français vivent et quelles différences il y a entre les Allemands et les Français.»2


[1] „Unsere Gruppe ist empfangen, betreut und gefeiert worden. Der Aufenthalt war geprägt von Herzlichkeit und Sympathie sowie dem festen Willen und tiefen Wunsch der deutschen Familien, Lehrer und Schüler, enge Bande mit der französischen Gruppe und ihrer Schule zu knüpfen.“

[2] „Zweimal haben wir an einem Presseprojekt gearbeitet und einmal sind wir im Rathaus empfangen worden. Im Verlauf der Reise konnten die Schüler die Unterschiede zwischen den beiden Ländern feststellen wie z.B. bei der Kleidung, dem Schulwesen und den Vorlieben beim Essen. Aber es gibt auch viele Ähnlichkeiten. Insgesamt kann man sagen, dass der Aufenthalt in Montmorillon sehr lehrreich war und dass der Austausch eine gute Erfahrung für uns war. Wir konnten sehen wie die Franzosen leben und welche Unterschiede es zwischen Deutschen und Franzosen gibt."